Es gibt nicht viele deutsche Politiker, die durch direkte Wahl in ihrem indirekt durch Verhandlungen im Parlament erworbenen Amte bestätigt werden würden. Bremens 63jähriger Bürgermeister und Senatspräsident Wilhelm Kaisen ist einer von ihnen. Seine Popularität in der Weserstadt ist echt, so echt wie die Antwort eines kleinen Bremer Schulmädchens, das in der Geographiestunde den Kaiser-Wilhelm-Kanal in einen Wilhelm-Kaisen-Kanal umtaufte... Der Sohn eines Bauarbeiters, in Hamburg geboren, stieß schon früh zur Arbeiterbewegung. Die Maßregelung seines Vaters wegen sozialdemokratischer Betätigung, führte auch den Sohn in die Partei. Zunächst ergriff er. den Maurerberuf, und suchte sich in Abendkursen und durch Selbststudium weiterzubilden. Nach dem Besuch einer Parteischule in Berlin wurde er alsbald politischer Redakteur an der Bremer Volkszeitung, Bürgerschaftsmitglied und schließlich 1928–1933 Senator. Im Dritten Reich verbrachte er unter Hochverratsverdacht mehrere Monate im Gefängnis. Die folgenden Jahre lebte er mit Frau und Söhnen auf einem 30 Morgen großen Hof als Siedler vor den Toren der Stadt.

Wie eine Geschichte aus einem lateinischen Lesebuch so klingt der Bericht von Kaisens Wiedereintritt in die Politik. Zwar waren es nicht seine Landsleute, sondern der erste amerikanische Stadtkommandant Bremens, der 1945 ins Borgfelder Land hinausfuhr, um den „Verbannten“ zu suchen, aber er fand ihn – wie es die Fibel vorschreibt – pflügend auf dem Acker. Er solle das Amt des Bürgermeisters und Senatspräsidenten übernehmen? Der Mann, in der Strickweste, mit der blauen Mütze auf dem Kopf, überlegte minutenlang. Dann sagte er „hüh“ um die Furche zu Ende zu pflügen, ließ am Wegrand Ochsen und Geschirr stehen und stieg in den Wagen der Besatzung. „Hüh“ war das erste plattdeutsche Wort, das die Amerikaner von ihm lernten. „Dat mokt wi nich“ war das zweite. Sie sollten es noch manches Mal zu hören bekommen.

Mit der gleichen Ruhe, die den „Hochverräter“ während der „nervenzerrüttenden“ Wartezeit in den Vorzimmern der Gestapo-Vernehmungsräume einst seelenruhig einschlafen ließ, machte. sich Wilhelm Kaisen nun an die Arbeit, den „tausendjährigen“ Schutt abzuräumen. Oft ging er Wege, die diesen oder jenen Interessengruppen, den Gewerkschaften, ja oft seiner eignen Fraktion unmöglich, erschienen. Aber nie tat er etwas, was der Mann auf der Straße nicht verstanden hätte. Wenn andere bereit waren, vor den Bedenken der Fachleute zu kapitulieren, wischte er mit einer Handbewegung alle Einwände beiseite, und setzte die Spezialisten da an, wo sie ihm nötig erschienen.

Als die Zeit kam, da die Bundesrepublik konstituiert wurde, hofften viele, Kaisen würde im Rahmen einer großen Koalition eine führende Staatsstellung übernehmen, um im großen jenen Aufbau fortzuführen, den er en miniature bereits verwirklicht hatte. Es kam anders. Er blieb Bürgermeister in Bremen. Das Gewicht seiner Stimme aber vermochte niemand mehr auszuschalten, weder die Regierungskoalition noch seine eigene in Opposition stehende Partei. Zu selbstständig, um sich durch eine Parteidoktrin den Blick trüben zu lassen, bezog er so in den hektischen Tagen, als die Saarkonvention veröffentlicht wurde, eine Stellung, die der seines Parteivorsitzenden konträr entgegen war.

Dieser Tage nun befindet sich Wilhelm Kaisen erneut auf einer entscheidenden Mission, die er ohne offiziellen Auftrag, ohne viel Aufhebens durchführt. Auf Einladung des State Department unternimmt er eine sechswöchige Reise durch die USA, einen Besuch, zu dem er von amerikanischer Seite bereits mehrmals aufgefordert worden war. Sein besonderes Bemühen gilt dabei dem deutschen Schiffbau. Schon hat er, wie aus dem Bremer Rathaus verlautet, die lange Zeit zögernden USA-Gewerkschaften gewonnen, für eine Lockerung der alliierten Bestimmungen einzutreten. Ja, es gelang ihm, am Vorabend der Londoner Konferenz die amerikanischen Sachverständigen vor ihrer Abreise in New York noch einmal zu sprechen. Wilhelm Kaisen wird erst Anfang nächsten Monats in Bremen zurückerwartet. Es scheint nicht ausgeschlossen, daß die Früchte seiner Reise schon vorher via London in Deutschland eintreffen werden.

Claus Jacobi