Man kann einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einem Beil.

Heinrich Zille

Eine Bluttat als Folge des Wohnungselends wurde zum Höhepunkt eines menschlichen Dramas, das sich in einem mit Flüchtlingen überfüllten Dorf bei Lübeck abspielte und das in seiner unheimlichen Folgerichtigkeit das Thema für einen Film mit dem Titel „Bürokratie auf der Anklagebank“ sein könnte. Was dem Geschehen bei Kriegsende an Not für viele folgte, die aus Ostdeutschland nach dem Westen flohen, bildet den ersten Akt dieser erschütternden Nachkriegstragödie, die für Psychiater noch mehr als für Juristen einen besonderen Fall darstellt. Am Ende ihres zweiten Aktes steht die Tötung eines Flüchtlings, den sein Zimmernachbar, ebenfalls Flüchtling, im Streit erstach. Der Schlußakt: der Angeklagte wird freigesprochen – auch auf Wunsche des Staatsanwaltes. War etwa der Getötete schuldig?

Es kommt nicht häufig vor, daß ein Staatsanwalt den Freispruch eines Angeklagten fordert, der einen Menschen getötet hat. Daß es in der „Totschlagsache Reinhold Tiedke“ der Fall war, die in diesen Tagen vor dem Schwurgericht in Lübeck stand, kann nur verstehen, wer weiß, was der folgenschweren Entladung eines menschlichen Hasses vorausging, den nur die Ungunst der Verhältnisse hatte entstehen und immer glühender werden lassen. Der schwerwiegende psychologische Hintergrund des Falles hängt unmittelbar mit einem grauenvollen physischen Notstand der Beteiligten zusammen:

In der Dorfgemeinde Braak im Kreis Stormarn (Schleswig-Holstein) wurde 1948 im ersten Stock eines Bauernhauses die Flüchtlingsfamilie Klein einquartiert, die aus Danzig hierhergekommen war. Frau Klein, deren Mann als vermißt gilt, erhielt hier für sich und ihre drei Kinder, unter ihnen der damals 18jährige Gerhard, ein Elektrikergeselle mit menschlich wie beruflich bestem Leumund, ein Zimmer von etwa 16 Quadratmeter Fläche, das nur über einen schmalen Balkon erreichbar ist, zu dem eine sehr steile Treppe an der Außenwand des Hauses führt. Im angrenzenden Raum wohnte in gleicher Enge der 23jährige Reinhold Tiedke mit Frau und Kind und der Mutter Tiedkes. Das zweite Zimmer konnte nur durch den Wohnraum der Kleins betreten werden. Der Durchgangsverkehr der Tiedkes in der drangvollen Enge bei Kleins führte immer wieder zu Streit, schließlich zu gefährlichem Haß und zu Tätlichkeiten zwischen beiden Familien, zumeist aus nichtigen Anlässen. Verschüttetes Wasser, zu lautes Türenschließen, nächtliches Lichtanmachen, unerwünschte Radiomusik, im Vorbeigehen oft unvermeidliches Berühren der anderen oder Verschieben des Tisches lösten täglich erregte Szenen aus. Alle lebten in einer Atmosphäre kaum noch erträglicher Gereiztheit – bis diese sich aufs furchtbarste auswirkte: eines Abends kam es zum Kampf zwischen Tiedke und Klein. Nach scharfem Wortwechsel – die Kabelschnur von Kleins Radio war in Tiedkes Tür geklemmt und so aus dem Kontakt gerissen worden – stürzte sich Tiedke auf den körperlich schwächeren Klein, vürgte ihn am Hals und schleuderte ihn, dabei schreiend „Jetzt bring ich dich um!“, auf den Balkon. Klein, infolge eines Herzleidens stets leicht erregbar, griff nach allem, dessen er zu seiner Verteidigung habhaft werden konnte, auch nach einem verrosteten alten Dolch, den er sonst zum Stiefelreinigen benutzte, und stach blindlings auf seinen Gegner ein, ehe dieser ihn die steile Treppe hinunterwerfen konnte. Aus drei Wunden blutend, brach Tiedke darauf zusammen und starb innerhalb weniger Minuten. – Kleins freisprach von der Anklage der Körperverletzung mit tödlichem Ausgang erfolgte, weil seine Tat als „Raumnotvergehen“ gewertet wurde und er, nach den Feststellungen des Gerichts, in Notvehrexzeß gehandelt hatte, der nicht strafbar ist, wenn die Grenzen der Notwehr in Furcht oder Schrecken überschritten wurden.

Bevor es zu dieser Tat gekommen war, hatten Klein und Tiedke unablässig versucht, aus ihren entsetzlichen Wohnverhältnissen herauszukommen. Alle ihre Eingaben an Wohnungs-, Sozial- und Fürsorgeämter blieben aber vergeblich, obwohl amtliche Kommissionen festgestellt hatten, daß „anerkannter Notstand“ vorlag. Auch als Klein, kurze Zeit vor der Bluttat, beim Wohnungsamt ausdrücklich erklärte, daß er schwere Tätlichkeiten durch Tiedke befürchte, erreichte er nichts. „Das geht uns nichts an“, hieß es in einer der Antworten, dieser erhielt. Familie Tiedke wurde erst umquartiert, nachdem das Unglück geschehen war, dann allerdings sofort. Nun plötzlich war ihr „gefangenes Zimmer“ kein geeigneter Wohnraum mehr für sie.

Die Umstände, die zur „Totschlagsache Reinhold Tiedke“ führten, sind mehr als nur eine übliche Begleiterscheinung nervöser Überreizung. Sie haben mit aller Deutlichkeit ergeben: Schuld am Tode eines Menschen hatte alles, was unter dem Begriff Flüchtlingselend schlechthin verstanden wird, schuld hatte, was Millionen Menschen in Deutschland an unwürdigen und unerträglichen Verhältnissen zugemutet wird, und schuld hatte insbesondere die Bürokratie, die sich als ohnmächtig gegen nüchterne papierene Vorschriften erwies. Sie versagte restlos wo die eine Katastrophe hätte verhindern müssen – die mit größter Wahrscheinlichkeit vorherzusehen war –, sei es durch Umgehung irgendwelcher Bestimmungen und mit Zivilcourage gegenüber Vorgesetzten, die sich vor Entscheidungen drückten. Der Fall Klein–Tiedke müßte eine Warnung für unsere Verwaltungsbehörden, aber auch für das Ausland sein, dem der Ausgang des Krieges ein volles Maß an Verantwortung für die Entwicklung in Deutschland zuschob.

Das Drama von Braak wäre unmöglich gewesen, hätten seine „Helden“ nicht in einem seelisch permanent leidenden Zustand leben müssen, der sie in eine innere Vereinsamung preßte, die, so oder so, eines Tages ihr Ventil finden mußte. Die psychische Überbeanspruchung und nervliche Hochspannung von Menschen, die einer täglich aufs neue zermürbenden Atmosphäre ausgesetzt sind, können auf die Dauer wahrscheinlich nur dort enden, wo allein der Psychiater das Wort hat oder gar der Tod Erlösung bringen kann. Ein erniedrigendes Milieu und das Gefühl sozialer Ohnmacht werden sich fast immer in seelischen Explosionen auswirken und, je nach Temperament der Betroffenen, auch zu physischen Exzessen führen. Das zu verhüten, muß Aufgabe eines geordneten Staatswesens sein. Staatliche Bürokratie aber dürfte in keinem Fall so weit ausarten, daß sie am Tode eines Menschen mitschuldig wird. Othmar Merth