Jahrelang arbeitete David Low, der unter den Karrikaturisten unserer Zeit vielleicht der populärste ist, im Londoner Evening Standard des konservativen Presse-Lords Beaverbrook. Er hatte bei dieser Zeitung vollkommene Freiheit, nach Lust und Witz die Konservativen oder die Labour-Party, die Liberalen oder auch seinen eigenen Chef Beaverbrook selbst anzugreifen und lächerlich zu machen. Im Herzen gehört Low aber zur Labour-Party. Das brachte das Parteiblatt Attlees, den Daily Herald, vor ein paar Monaten auf die Idee, ihn zu engagieren. Low nahm an, als man ihm auch hier volle Freiheit zusicherte, jedermann und insbesondere Attlee und seine Regierung angreifen zu können. So fand man im Blatt der Regierungspartei in den letzten Monaten die drolligsten Karikaturen, von Attlee, Morrison und Cripps, denen der Zeichner meistens den „Common Man“, den kleinen Mann, gegenüberstellte, der von der Tätigkeit. der Labour-Regierung wenig Nutzen hat. Lows Karikaturen wurden auf der ganzen Welt nachgedruckt, alles lachte, und das sozialistische Parteiblatt ebenso wie die Parteiführer, welche die Objekte der Low’schen Witze waren, hielten sich getreulich an die Zusage der Humorfreiheit, die sie gemacht hatten.

Vor einigen Tagen erschien aber im Daily Herald mit der Unterschrift „Eine Zeichnung für einen unzufriedenen Leser“ eine ganz andere Karikatur. Hier schüttelt der „Common Man“, der wie aus einem Bilderbuch weiland der Deutschen Arbeitsfront aussieht, dem von Cripps und Morrison begleiteten Regierungschef mit markiger Geste die Hand und sagte: „Gott segne Sie, Mr. Attlee, England ist stolz auf Sie!“ Die Szene spielt sich über den Wolken ab, und es gehört noch der Abriß eines Leserbriefes dazu, auf dem gerade noch zu lesen ist: „...muß ich protestieren ... respektlose Art und Weise ... unsere Parteiführer und Ideale behandelt Man sieht daraus deutlich, daß Mr. Low in die Verteidigung gedrängt ist: er steht vor dem Problem der Zensur des Lesers, und er wehrt sich, indem er den Leser zum Objekt seiner Karikatur macht. Wahrscheinlich jedoch wird es nicht nur ein Leserbrief dieser Art gewesen sein, der Low zu seiner Flucht in die Öffentlichkeit veranlaßt hat.

Es bleibt ein bitterer Geschmack. Denn der Vorgang legt die Befürchtung nahe, daß selbst in England politische und geistige Toleranz an der Basis der Pyramide allmählich verlorengehen und nur noch an der Spitze vorhanden sind.

H. A.