59 lassisches Ballett and Ausdruckstanz schließen einander so wenig aus wie" Sonate and Rhapsodie. Die Schritte, Sprünge und Pirouetten des Balletts bilden gleichsam eine Sonatenform des Tanzesdie etwas vom Geist der absoluten Musik bewahrt hat. Dalcroze und Laban, die Begründer des modernen Tanzes, zerschlugen diese Form, um aus den einfachen Funktionen der Bewegung Elemente unmittelbar expressiver Schönheit 211 entwickeln. Kuasttheoretisch läßt sich da kein Vorzug ausmachen ; es kom mt darauf an, was der Choreograph und seine Tänzer im einzelnen Fall zu zeigen haben. Daß in den letzten Jahren die Fortsetzer des Russischen Balletts (Serge Lifar in Monte Carlo, Victor Gsovsky inParis, Tätjaha Gsovsky in Berlin, Sudlers Welk in London) mit ihrer virtuosen Phantasie, ihren geistreichen Musiken, ihrem raffinierten Decor und ihrer hochgetriebenen Technik eine neue Blütezeit des Tanztheaters herbeigeführt- haben, kann nur parteiischer Eigensinn bestreiten. Aber warum soll der Ausdruckstanz den Vorsprang sieht aufholen, den er seit den gloriosen jähren Mary Wigmans und Kurt Jooß verloren hatte? Ein in Hamburg erarbeitetes und araufgeführtes Werk von großem Zuschnitt, Lola Rogges szenisches Oratorium Vita Nostra, müßte, wenn alles mit rechten Dingen zugeht, eine eicht ge ringerc Resonanz finden als die besten heutigen Ballette. Es läßt alles, was seit geraumer- Zeit Tanzgruppen und Tanzbühnen zu zeigen wußten, in weitem Abstand hinter sich. Die Konzeption iyt machtvoll s Worte des neunzigsten Psalms, dieses lapid aren memento mori, werden von einem starken Ghor gesungen und von sechzig Tänzern in bewegten Bildern dargestellt —- aus Jen Motiven des Psalsnisten selbst hervorgesponnen: das "Gras", das "Geschwätz", der "Schlaf", die Webspule", der "Strom", der "Grimm Gottes". Die Musik von Aleida Montyn, für Chor, zwei Klaviere und Schlagzeug, von Anklängen an Gregorianisches bis zur Jazz Improvisation alle Bereiche des Gharakterisierens ausmessend, die Lidnkompositiohen und Kostüme von Cesar Klein (er kleidet alle Tänzer und Tänzerinnen an schwarze Trikots und wandelt mit farbigen, weißen und bedruckten Oberwürfen die Ausetrucksfunktionen ab) und die Choreographie Lola Rosges, bald ein Präzisionswerk rhythmischer Polvphonie, bald ein breiter, melodischer Gebärdenflwß — diese drei Elemente sind eine suggestive Einheit eingegangen. Die belebten Symbole menschlicher Anfälligkeit und Hinfälligkeit könnten mit der klassischen Technik so insrdnfUs, nicht gegeben werden. Die Dringlichkeit 4er Psalmistenmahnung läßt das reine Spiel nur einmal zu: im kleinen Welttheater und Totentanz des vorletzten Bildes da stellen sich Zitate aus dem Ballett ganz ungezwungen ein und rechtfertigen auf indirekte Weise die besondere Kraft des antiklassischen, des modernen Tanzes, der nach der Seele des Zuschauers ohne den Umweg über den Geist zu greifen vermag. Christian E, Lewaher,