Bei der Hamburger Sparkassentagung gab es eine unerwartete Pointe, Unter dem gleichen Stichwort „Mark muß Mark bleiben“, das, für das sogenannte überparteiliche Volksbegehren zur Währungssicherung gilt, (wir. haben uns hier vor vierzehn Tagen unter der Überschrift „Ein wenig zu simpel“ damit beschäftigt) wurde ein Flugblatt verteilt, das die Unterschrift der RSF trägt – was ja wohl „Radikal-Soziale Freiheitspartei“ heißt. Es enthielt einige Unfreundlichkeiten gegenüber Geheimrat Vocke und Minister Nölting, die beide auf der Tagung sprachen, und darüber hinaus die Behauptung, daß „der Preisabbau“ eine der entscheidenden Ursachen der Arbeitslosigkeit und Absatzstockung sei... „Die Kinder, sie hören es gerne“, kann man dazu wohl nur sagen.

Über den Verlauf der Sparkassentagung ist, aus Raumgründen, noch nicht zu berichten; das muß bis zur nächsten Ausgabe verschoben werden. Dafür ist aus der abgelaufenen Woche noch Verschiedenes kurz nachzutragen: Zunächst hat die (von uns schon .angekündigte) Neugründung des Orient-Vereins, unter dem Namen „Nah- und Mittelost-Verein“, stattgefunden. Sein Arbeitsgebiet beginnt in Griechenland und der Türkei, umfaßt dann weiterhin Ägypten, Palästina, die arabischen Länder und Persien sowie Hindustan, Pakistan und Ceylon, letztere Gebiete in Gemeinschaftsarbeit mit dem Ostasiatischen Verein. Gegenüber den übrigen „Ländervereinen“, die in Hamburg und zugleich in Bremen domizilieren ergibt sich ein Unterschied insofern, daß der „Nah- und Mittelost-Verein“ das gesamte Bundesgebiet umfaßt (mit einem „Arbeitskreis Süd-, deutschland“, speziell für Indien-Fragen, dem Vizepräsident Dr. Ruperti-München vorsteht). Man will also, wie auch durch die Tatsache unterstrichen wurde, daß neben dem Präsidenten Ernst Godeffroy-Hamburg und dem hamburgischen Wirtschaftssenator Dr. Schiller auf der Gründungstagung zwei süddeutsche Herren sprachen, die alten Verbindungen der bayrischen Wirtschaft zum Orient nachdrücklichst fruktifizieren.

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Gäste von Distinktion in Harburg: Bei „der“ Phoenix war Mr. Harvey S. Firestone jr. zu Gast, der Chairman der Firestone Tire and Rubber Company (Akron/Ohio). Eigentlich handelte es sich da um einen Gegenbesuch, da die Herren Schaefer und Friedrich vom Vorstand der Harburger Gummiwarenfabrik Phoenix AG. vor einiger Zeit schon als Gäste in Akron waren (wo man in diesem Jahr das 50jährige Bestehen des nunmehr 70 000 Menschen „in aller Welt“ beschäftigenden Werkes feiert). Kein Wunder also, daß, wie VWD es vorsichtig formuliert, „man“ das Zustandekommen einer engeren Bindung zwischen beiden Gesellschaften „nicht für ausgeschlossen hält“. Davon aber wurde anläßlich des Besuches von Mr. Firestone noch nicht laut und öffentlich gesprochen. Man beschäftigte sich mehr mit dem Problem der verstärkten Verwendung von synthetischem Kautschuk, das insofern nahelag, als Mr. Firestone gerade von Brüssel kam, wo er als Delegierter des State Departement an der Tagung der „Internationalen Studiengruppe Kautschuk“ teilgenommen hatte. Und in Brüssel stand dies Problem im Mittelpunkt der Erörterungen, weil Naturkautschuk knapp und – teuer geworden ist. So gewinnt das neue Verfahren der „Kaltherstellung“ von synthetischem Kautschuk in den USA zunehmend an Boden, im Rahmen einer Kapazität von insgesamt 450 000 t jährlich, die nach dem Kriege, bei Anordnung eines „Verwendungszwangs“, zunächst mit 200 000 t ausgenutzt wurde, jetzt aber, auf freiwilliger Basis, stärker beansprucht wird (Bedarf in den USA zur Zeit rund 1 Mill. t insgesamt, Natur- und Kunstkautschuk). Über die von holländischer und britischer Produzentenseite betriebene Preis- oder vielmehr Kartellpolitik wäre in diesem Zusammenhang noch einiges zu sagen – aber auch über die Probleme, die sich bei einer Einbeziehung Deutschlands in eine Europa-Union bezüglich des Gesetzes Nr. 24 ergeben: auf die Dauer ist das Wettbewerbshandicap wohl kaum aufrechtzuerhalten, das sich aus Produktionsverboten ergibt, und aus der Notwendigkeit (für die verarbeitende Industrie), gewisse Rohstoffe nicht an Ort und Stelle frei einkaufen zu können, sondern sie auf monopolisierten Märkten einkaufen zu müssen.

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Ein anderer Schauplatz Kiel – die Mensa der Universität. Magnifizenz und Spectabilität, Rektor und Dekan der Landwirtschaftlichen Fakultät, feiern gemeinsam vier Preisträger, nämlich den mit einer Silbernen Medaille, in Anerkennung seiner Verdienste auf betriebswirtschaftlichem Gebiete, ausgezeichneten Bauern und Landwirt F. W. Loos (Kogel), den zum Dr. agr. honoris causa promovierten Bauern und Saatzüchter R. Carsten (Bad Schwartau) und die beiden Preisträger des Justus-von-Liebig-Preises der Hamburger Stiftung F. V. S., die Professoren Roemer-Halle und Dencker-Bonn. In seinem Festvortrag sprach Prof. Roemer über die Frage, ob Malthus „in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ mit seiner Lehre doch noch recht behalten werde – eine Frage, die der Gelehrte verneinen kann, mit stolzer Bescheidenheit auf die praktischen Ergebnisse der Wissenschaften hinweisend, die in Gemeinschaftsarbeit dafür sorgen, daß „heute drei Halme – und mehr! – da wachsen, wo vor einem Menschenalter erst zweie wuchsen“. Auf die Einzelheiten der Darstellung Prof. Roemers wird noch einzugehen sein, ebenso wie auf den zweiten Vortrag, den sein Kollege Dencker über die Möglichkeiten der Mechanisierung (speziell – aber nicht ausschließlich – der „Traktorisierung“) des bäuerlichen Klein- und Mittelbetriebs gehalten hat. E. T.