Von Karl Wilbe

Es war einmal ein Kurfürstendamm. Der war voller Läden, voller Schaufenster, gleißender Lichtibänder, eleganter Cafés, rollender Autokorsos, glitzernder Kinopaläste, intimer Bodevardbühnen, nächtlicher Bars. Er war das Glimmerschild der attraktiven Weltstadt, die Lockung der Weitgereisten und der innerdeutschen Lustwaradler. Die Bomben fraßen seine prächtigsten Fassaden, rissen Lücken in und rund um die Gedächtniskirche. Alles, was klang und glitzerte, war in Geröllschutt zusammengesunken: Kranzler und das Romanische Café, der Ufa- und der Gloria-Palast, das „Kaufhaus des Westens“ am Tauentzien und das Capitol gegenüber der Kirche. Der Kurfürstendamm schien hin, unwiederbringlich hin – und damit die üppigere Fasson Berlins ebenso wie die für die Masse geschneiderte, in der Friedrich- und der Leipziger Straße.

Die Straße in der Mitte der Stadt blieb tot. Fünf lange trostlose Jahre rührte sich nichts aus den Schuttgebirgen der Innenstadt. Die sowjetisch kontrollierte Oststadt beließ die Schuttberge als schauerliches Feld des toten Herzens der Stadt. Eine andre Straße aber begann bald die Tradition des Friedrich-Leipziger Kreuzes zu übernehmen: eine Straße im Südwesten der Stadt, im Bezirk des kleinbürgerlichen Mittelstandes, im dichtbevölkerten Steglitz. Schon ehe die Blockade wirksam wurde, zogen in der Schloßstraße in Steglitz, dem Mittelpunkt der Achse Potsdam-Potsdamer Platz, die ersten Firmen aus Berlin-Mitte ein. Bis dahin hatten sie gewartet. Und als die Kaufstraße in der Stadtmitte tot blieb, siedelten sie am Rande der Durchgangsstraße von Ost nach Ost. Dies ist in den letzten zwei Jahren erstaunlich fortgeschritten. In Steglitz gab es eine Gründerzeit, und sie ist noch lange nicht abgeschlossen.

Als mit dem Ende der Blockade Berlin Licht und Waren bekam, war Steglitz mit seiner Schloßstraße in wenigen Tagen, in Stunden beinahe das Schaufenster Berlins. Das Jahr danach hat es, von Teppichwürfen mehr als andre Stadtteile verschont, die Chance ergriffen: eine neue Berliner Achse statt der verlorenen und zertrümmerten in der Mitte der Stadt zu werden. Lange schon, bevor der Berliner Kaufmann diese Gelegenheit nutzte, hatte an dem einen Ende dieser Achse Boleslaw Barlog in einem ehemaligen Kino sein Steglitzer Schloßpark-Theater etabliert: ein Theater aus jungen Kräften mit mutig und pointiert gewählten Stücken, ein Vorstadt-Theater damals mit einem Mann ohne Bühnenerfahrung, der heute die geschlossenste Berliner Bühne präsentiert. Und am anderen Ende der einst etwas stumpfen, spießigen Schloßstraße blieb der Titania-Palast erhalten: heute Berlins repräsentativer Kulturpalast, Stätte der Berliner Philharmoniker und aller feierlichen Bekundungen der Stadt. Schon schwirren in den Neubauplänen der Berliner Architekten Projekte, die drangvoll überfüllte Schloßstraße durch Überbauten zu entlasten. Steglitz mit seiner Schloßstraße hat die Tradition der Friedrichstadt übernommen, und es macht alle Anstrengungen, dies mit dem Temperament zu tun, das der Friedrichstraße eignete.

Freilich: das gilt für den Tag. Nachts geht die Schloßstraße früh schlafen. Ein Nachtleben wird das solide Steglitz kaum goutieren. Dies sucht der Kurfürstendamm wieder nachzuholen. Und nicht nur dies. Seit Monaten funkelt es wieder blau und grün und rot, sobald die Sonne versunken ist: von Dächern und Hauswänden, von nackten, kahlgeschlagenen Häuserwänden. Leuchtschriften summen wieder über gebliebene hohe Dachfirste, und Cafés, Kinos, Restaurants, Kabaretts, Weinlokale, Spezialrestaurants, Theater sind wieder aus den schwer angeschlagenen Häusern auferstanden. Einstöckig ist manches erst wieder da: das imponierende Kaufhaus am Zoo mit seinen zwanzig Riesenfenstern, die Luxusläden um den ehemaligen Ufa-Palast und das Café Berlin, aber die alten Begriffe sind wieder lebendig geworden: Mampe am Marmorhaus und Stöckler nicht weit davon, das Schwarze Ferkel, einst am Reichstag, jetzt in der Kantstraße, die „Greift“ in der Joachimsthaler, wo Klaus-Günther Neumann sein Publikum mit einem sehr aggressiven, aber um so witzigeren Programm attackiert, „Bei Henry“, wo Fritz Odemann nach Lorbeeren des echt berlinischen Literatur-Kabaretts pflückt, die Filmbühne Wien mit ihren attraktiven Reklamen und das Marmorhaus auf der anderen Seite, das Kiki und die Kurbel, das Astor und die Bonbonniere und zwischen ihnen die beiden Kurfürstendamm-Bühnen: Komödie und Theater am Kurfürstendamm.

Die Stühle der großen Cafés stehen unter bunten Planen weit auf den Damm hinaus, und links und rechts und gegenüber turnen Gerüste hoch hinauf. Das eine, ein besonders hohes, ist eben gefallen: der Riesenbau des „Maison de Fracce“ an der Uhlandstraße steht blank und imponierend in der Frühjahrssonne. Ein andrer wächst mit Dutzend Fingern in die Luft: unten freilich strahlt schon der Glanz festlicher Eröffnung aus vielen breiten Fenstern. Deutschlands bedeutendstes Modehaus Horn ist von Blumenrabatten umzäunt, während der erste Stock mit Café und die nächsten mit Büros und Ateliers nur erst aus Gerüsten und Ziegelfragmenten bestehen. Von diesem Berliner Gründertempo ist ein weiterer Neubau großen Stils in gleicher Weise befallen: indem unten schon die Käufer für Lederwaren und Konfektion in modernste Räume geladen sind, geht der Hotelbau in den Etagen darüber erst seiner Vollendungsetappe entgegen. Der Kurfürstendamm sucht die Jahre zu überspringen, die ihm verlorengegangen sind. Woran er anknüpft, ist nur der Anspruch auf die Legitimation, die erste Straße der Stadt und wieder auch die erste Straße Deutschlands zu werden: die Straße der Eleganz, der Repräsentation, der Schaustellung der großen Wünsche. Das Zögern von vorgestern, die Angst vor dem Risiko, die gerade auf dieser Straße der hohen Investitionen, der überdurchschnittlichen Kosten begreiflich war, ist gewichen. Das Licht stürzt wieder aus tausend Lampen, und die Polizeistunde Berlins gehört der Vergangenheit an. Die Bereitschaft, dies Angebot auszunützen, ist wieder da. Daß es nicht ganz entgegengenommen wird, liegt nicht allein an den Unternehmern und den Wanderern auf dieser Straße. Doch die fünf Jahre sind wirklich auch auf dem Kurfürstendamm überwunden. Er heißt nicht nur noch Kurfürstendamm. Er ist es wieder.