Die Lage der Viersektorenstadt

Mißverständnisse und Notwendigkeiten

Von Dr. Ferdinand Friedensburg, Bürgermeister von Berlin

Als vor einem Jahre die Aufhebung der seit zehn Monaten lastenden Blockade Berlins angekündigt wurde, blieben die verantwortlichen Männer der Stadt zum Erstaunen der Westdeutschen, die nun das Ende aller Nöte Berlins nahen glaubten, trotz aller Erleichterung und Befreiung ernst und sorgenvoll. Gewiß war jetzt Schluß mit Fettmangel und Trockenkartoffeln, den kalten Wohnungen und dem Verkehrsstillstand zum Beginn des Abends, mit dem ständigen Dröhnen der Flugzeugmotoren über den Köpfen und der zermürbenden Spannung, die von dem Kleinkrieg an den Sektorengrenzen ausging. Aber zugleich hörte auch die besondere Rolle auf, die Berlin solange in den Augen der Welt und nicht zuletzt auch in den eigenen Augen der Berliner gespielt hatte: An die Stelle der ja doch schließlich allgemein empfundenen Gloriole des heroischen Widerstandes trat der nüchterne Alltag an die Stelle des Mangels scheinbarer Überfluß. Wer in finsteren, ungeheizten Räumen Hunger und Dürftigkeit durchgemacht hatte, hätte sich wärmen und sättigen können am Pflichtgefühl, am Bewußtsein des tapferen Widerstandes gegenüber dem ruchlosen Angriff der Angreifer von außen. Viel schwerer zu ertragen war jetzt der Mangel, für den man nunmehr nicht irgend einen Feind verantwortlich machen konnte, sondern dessen Versagen in Unzulänglichkeiten der eigenen Verwaltung liegen mochte.

– Fast schlagartig mit dem Aufhören der Blockade wurde aber auch die Hilfeleistung von außen eingeschränkt. In geradezu unbegreiflicher Verkennung der tatsächlichen Situation verfügten die Kommandanten der drei Westsektoren sogleich eine Halbierung der Finanzzuschüsse, insbesondere das Aufhören der bisher von den Besatzungsmächten geleisteten Beihilfen. Ja, man erörterte ernstlich den Gedanken, der Stadt nachträglich die Kosten für die Luftbrücke auferlegen zu wollen und führte diese Absicht, jedenfalls theoretisch, für einen sehr erheblichen Anteil dieser Kosten mit ihren astronomischen Ziffern durch. Berlin, das ja doch nicht nur zur Wahrung der eigenen Freiheit und zur Sicherung der demokratischen Entwicklung Deutschlands – Widerstand geleistet hatte und weiter Widerstand leisten mußte, sondern nach den immer wiederholten Bezeugungen der ausländischen Staatsmänner und Völker für die ganze westliche Welt kämpfte, wurde zur Aufrechterhaltung seiner wirtschaftlichen Existenz auf die knappen und unzulänglichen und bisher auch noch gar nicht organisierten Hilfsquellen Westdeutschlands angewiesen. Auch dort war die Hilfsfreudigkeit nicht gerade gestiegen, ganz abgesehen davon, daß das erst in der eigenen Erholung begriffene Gebiet sich schwerlich die ausreichende Leistungsfähigkeit zutrauen mochte.

Vor allem lebt der Westen ständig in dem Mißverständnis, als handele es sich in Berlin im wesentlichen um ein Problem der Kommunalfinanzen. Nur dadurch konnte die unsinnige Vorstellung entstehen – in böser Wiederholung der unseligen Brüningschen Deflationspolitik –, als wenn man eine solche Krisis durch haushaltsmäßige Einsparungen bannen oder auch nur erleichtern könnte. Es besteht die fundamentale Tatsache, daß die Stadt bis 1944 je etwa zur Hälfte von den Hauptstadtfunktionen und von den Erträgen des Gewerbefleißes gelebt hat und daß für die Weststadt die erste Lebensgrundlage so gut wie vollständig zerstört und auch die zweite Lebensgrundlage infolge Bombenschäden, Verlagerung, Plünderung und Demontagen, Verlust von Absatzmärkten und vor allem infolge der Teilung der Stadt mit ihrem unheilvollen Währungsgefälle auf weit weniger als die Hälfte der früheren Leistungsfähigkeit gemindert ist. Unter solchen Umständen kann eine Stadt selbstverständlich nicht aus eigener Kraft weiterleben. Selbst bei wesentlich verschlechterter Lebenshaltung, die für Berlin zur Zeit wohl kaum 50 v. H. der Vorkriegshöhe aufweist, ist auch eine annähernde Sanierung überhaupt acht zu erwarten, solange die jetzt bestimmenden politischen Faktoren anhalten und die Stadt sowohl an der Wiederausübung der Aufgaben der deutschen Hauptstadt als auch am freien Handelsverkehr nach allen Seiten und damit an der Ausnutzung der spezifischen Standortsfaktoren und überlieferten Leistungsmöglichkeiten hindern.

Es ist einfach zu fragen, ob Berlin gehalten werden soll oder nicht. Diese Frage ist von der Welt ebenso eindeutig bejaht worden wie von der Berliner Bevölkerung selbst. Da aber hierüber völlige Einmütigkeit besteht, müssen die erforderlichen Opfer gebracht werden – und zwar anders als bisher, nämlich von allen, die am Schicksal Berlins interessiert sind, nicht zuletzt den großen Mächten des Westens, also mit nur von dem verarmten und selbst von Flüchtlingen überlasteten Westdeutschland, ferner, ebenfalls anders als bisher, rechtzeitig, regelmäßig und in einem Ausmaß, das wirklich eine Aufrechterhaltung des kraftvollen Lebens der Stadt sichert. Kommunale Finanzzuschüsse mögen ein rohes, unzulängliches Verfahren sein. Wenn aber die Weststadt, in runden Ziffern geschätzt, für das Jahr 1950 auch bei der jetzigen dürftigen Lebenshaltung etwa um eine Milliarde D-Mark mehr für Lebensmittel, Rohstoffe und Waren ausgeben muß, als sie für die Erzeugnise von Industrie und Handwerk in Westdeutschland und im Auslande erlöst, muß dieser Fehlbetrag auf irgend eine Weise gedeckt werden, und die Finanzzuschüsse bieten hierfür das nächstliegende Mittel. Eine Kürzung des Haushaltes, die selbstverständlich. möglich ist, bedeutet also nicht nur eine unmittelbare Erschütterung der Verwaltung, was bei der politischen Situation schon unerwünscht genug ist, sondern muß sich unausweichlich in einer Verschlechterung der allgemeinen Lebensbedingungen, also in zunehmender Arbeitslosigkeit, verschlechterter Versorgung der Hilfsbedürftigen und in einer Senkung der Lebenshaltung auch der Erwerbstätigen ausdrücken.