Skizzen aus atlantischer Perspektive

Von Max Waller Clauss, Lissabon

Nach sechs Jahren Abwesenheit von Berlin zog ich das abendliche Fichtenaroma in Gatow – die Fichten dort stehen in der Sowjetzone – mit vollen Lungen ein. Es gibt keine stärkere Luft als in Berlin.

Am hellerleuchteten unversehrten Funkhaus in der Masurenallee – Sowjetenklave des Berliner Westens – vorbei war der englische Zubringerbus zum S-Bahnhof Halensee gelangt und setzte mich mit meinem Koffer dort ab. Zerstreut verlangte ich am Schalter: „Zweiter Wannsee, bitte!“ und erhielt zwei Karten. „Sie haben doch zwei gesagt“, erwiderte das Fräulein etwas gekränkt auf meinen Einwand. „Wir sind hier nämlich total sozialisiert“, tönte eine junge Männerstimme aus der Schlange hinter mir.

Der Westberliner – Mann und Frau in der S-Bahn am ersten Abend wie in den Trümmerstraßen, Notwohnungen und improvisierten Büros an den Tagen darauf – ist hinter seinen westdeutschen Landsleuten ein Jahr zurück in Ernährung und Kleidung. Während diese die Sanierungsspritze der Währungsreform ins Rentenmarkjahr 1924 zurückversetzte, drohte die Blockade alle Berliner endgültig aufs Elendsniveau der Ostzone zurückzuwerfen. Wieviel haben sie deshalb an Illusionslosigkeit vor den Menschen Westdeutschlands und Westeuropas voraus? Jedenfalls steht das Freie Berlin wie ein Leuchtturm im Dunkel der Ostzone.

Die Freizügigkeit der Berliner Grenzgänger zwischen West- und Ostsektoren gibt dem Ganzen einen Charakter zwischen den Welten. Alle Verkehrsmittel fahren durch den Eisernen Vorhang wie durch Luft. Man wohnt in der einen und arbeitet in der anderen Planethälfte, und die zahllosen Wechselstuben von Ost- auf Westmark sind eine Standardeinrichtung im Leben der viergeteilten, zweigespaltenen und dennoch eins gebliebenen Riesenstadt. Wie seltsam wirkt die Parallele zwischen der Westberliner Warnung an „Frau Mattscheibe“, die um ein paar Mark Preisgewinn im Sowjetsektor Dauerwelle machen läßt oder im H.-O.-Laden kauft, und den doppelten Inseraten im Ausland für deutsche Markenprodukte Ost oder West. In Lissabon haben wir zwei Vertretungen für Olympia-Schreibmaschinen, und nicht nur dafür.

Das Westberlin der 2,1 Millionen ist, verglichen mit der größten mitteleuropäischen Handels- und Industriestadt von einst, ein Rumpfgebilde, eine Insel im Sowjetbereich. Und doch arbeiten sie in allen Büros wieder die Mittagsstunden durch bis früh oder auch bis spätabends. Hat der wieder gern und gut frühstückende Mensch aus dem „Altreich“, wenn er sich über die Berliner Stullenwirtschaft lustig macht, einmal bedacht, daß der Berliner der Leistungsasket unter den Deutschen ist? Das sagt nichts gegen die schwäbischen und anderen Schaffer, und auch nichts gegen die traurig verzichtenden Wiener und anderen Vollbenachteiligten der europäischen Not. Aber es setzt den Berliner in den Stand, an der irrsinnig gespannten Brückenstellung zwischen West und Ost, zwischen Individualismus und Kollektivismus nicht zu zerbrechen.