Die einmütig ablehnende Reaktion aller Westberliner auf das sowjetische Angebot zwar freie, gemeinsame Wahlen in Berlin abzuhalten, aber erst nach Abzug der Besatzungsmächte, zeigt von neuem, daß der immer wieder aufsteigende Verdacht der Westmächte, die Deutschen versuchten bei jeder Gelegenheit aus dem Ost-West-Konflikt Kapital zu schlagen und vermieden es ängstlich, sich festzulegen, jeder Grundlage entbehrt. In diesen fünf Jahren alliierter Nachkriegspolitik ist Berlin oft genug der Brennpunkt der Ereignisse gewesen, und die Haltung der Berliner die eindrucksvollste Visitenkarte der Bundesrepublik geworden. Diese Stadt ist in den zurückliegenden Jahren nicht nur Objekt gewesen, sondern sie war die einzige Stelle, an der eine selbständige deutsche Politik gemacht wurde. Nicht mit langatmigen Reden, sondern durch die kompromißlose Tapferkeit.

Die Dinge haben sich gewandelt. Noch vor zwei Jahren schien der Prozeß der Sowjetisierung um Berlin herum eine schwere Bedrohung für die Stadt; in dem Maße, in dem diese Entwicklung immer rigoroser vorangetrieben wurde, ist nun heute umgekehrt die politische Anziehung Westberlins für die der Sowjetisierung verfallene Zone gefährlich geworden. Nachdem Berlin die erste Schlacht, und wahrlich eine sehr bedeutsame, im Kampf um die europäischen Positionen gewesen ist, wird nun von dieser Stadt die Offensive in das sie umgebende Land getragen.

Dem Osten mit Erfolg zu begegnen: dies ist keine Illusionspolitik mehr. Freilich: auch Berlin hat keinen anderen Zugang in die es umgebende Sowjetzone als sein eigenes Beispiel, seine eigene Leistung und sein eigenes Ansehen. Aber eben das Ansehen dieser freien Stadt ist die große Hoffnung und Zuversicht der Sowjetzone geworden. Gerade die Ohnmacht der Mittel, der brutalen und der schmeichlerischen, mit denen Berlin bedroht und gelockt worden ist, hat ja zum ersten Male – aber deutlich genug – die Legende zerstört, daß der Osten unwiderstehlich sei.

„Wir in Berlin – denken Sie daran – halten das Geschick der Sowjetzone und ihrer 18 Millionen in der Hand“, dies sagte der Berliner Oberbürgermeister dem Bundeskanzler Adenauer bei seinem Berliner Staatsbesuch. Und Dr. Adenauer wurde davon überzeugt, daß die wirtschaftliche, soziale und politische Gesundheit Berlins wirklich, der wichtigste Schritt zur Wiedervereinigung mit der Sowjetzone ist.

Eins steht fest, Berlin ist über den Status einer mit Almosen aus dem Westen mühsam durchgehaltenen Stadt inzwischen hinausgewachsen. Für die Zukunft aber ist es wichtig, daß diese Stadt immer intensiver ein deutsches, ein europäisches Gesicht voll Kraft und Gesundheit inmitten der sowjetischen Okkupationszone entwickelt. Da die Bundesregierung inzwischen Berlin als ihren wesentlichen Teil nicht nur betrachtet, sondern auch zu behandeln begonnen hat, wird der östlichen Propaganda für ein einheitliches Deutschland mit östlicher Färbung allmählich der Boden entzogen. Berlin hat eine große Mission, und es wird sie erfüllen, wenn die Deutschlandpolitik der Bundesregierung nicht am Rhein stehenbleibt, sondern wenn sie, wie dies in den Tagen des Adenauer-Besuches begann, mit aller Intensität auf Berlin gerichtet wird. K. W.