Es gehört schon einige Demagogie dazu, den Montanplan des französischen Außenministers Schuman bereits in der Wiege zu diffamieren und das Stichwort von der „Aktiengesellschaft Europa“ in die Diskussion zu werfen. Dies sollte nichts anderes bedeuten, als daß „die Manager des Großkapitals beiderseits des Rheins“ eine gegenseitige Versicherung abzuschließen beabsichtigen, um „die wahren Interessen des Volkes zu schädigen“. Wenn der deutsche Oppositionsführer das Bedürfnis gehabt hat, sich erneut als Molotow Westdeutschlands und als ewigen Neinsager zu dokumentieren, so ist ihm dies mit jener Formulierung geglückt. Wenn er aber Wert darauf gelegt haben sollte, sachlich gewürdigt zu werden, dann ist auf die Naivität seiner Sachkenntnis hinzuweisen. Bleiben wir also ruhig bei dem demagogisch geglückten, aber sachlich unzulänglichen Bild der Schumacherschen Europa-AG. (einer Formulierung übrigens, die, als der Ministerpräsident Arnold vor mehr als Jahresfrist den gleichen Gedanken, nämlich den der „Genossenschaft Hamm – Lothringen“, in die öffentliche Diskussion stellte, nicht gefallen war!).

Die Kommentierung von Dr. Schumacher erfährt noch von anderer Seite, nämlich von den Gewerkschaften, eine nicht uninteressante Nuancierung. Die Bundesführung der Gewerkschaften sagt, daß sie für eine Europa-AG. bei der Kohle eintreten würde und wolle, bei Stahl aber keinesfalls. Zwar hütet man sich im Gewerkschaftshaus in Düsseldorf, diesen Gedanken hörbar zu Ende zu denken, weil man soviel Takt besitzt, sich nicht in die innerfranzösischen Angelegenheiten einzumischen. Aber auf die Frage nach den Gründen dieser zweigleisigen Lagebetrachtung folgert die Antwort: Frankreich müßte erst seine Stahlindustrie verstaatlichen!

Damit sind wir mitten unter den „Aktionären“ der Europa-AG. Deutscherseits wäre es in Kohle die Deutsche Kohlenbergbauleitung, eine Holding der gesamten deutschen Kohlenwirtschaft, mit Weisungsbefugnissen, aber auch mit besonderen Verpflichtungen den westlichen Besatzungsmächten gegenüber, zudem ein Gremium ohne die geringsten Eigentumsrechte an den Kohlenzechen oder an dem unerschlossenen Kohlenbesitz. Französischerseits wäre es der geschlossene Block der nach 1945 zu 100 v. H. verstaatlichten Bergwerke mit allen Weisungs- und Eigentumsrechten.

Bei der Stahlindustrie wären es deutscherseits mehrere Dutzend großer und sehr großer Gesellschaften, meist in Aktienform, mit nicht unerheblichen Besitzteilen in der öffentlichen Hand und zu 80 v. H. treuhänderisch von den Stahltreuhändern (ebenfalls in Mittlerstellung zu den Besatzungsmächten) geführt und verwaltet. Auch hier sind die Eigentumsverhältnisse zwar rechtlich noch „in etwa“ eindeutig, in der Praxis aber recht unübersichtlich und zwiespältig.

Wie sehen nun die französischen Partner aus? Die französische Roheisenerzeugung von 8 Mill. t verteilt sich auf etwa 30 Werke, von denen lediglich die de-Wendel-Gruppe auf über 1 Mill. Jahrestonnen kommt. Als selbständige Werksgruppe erreichen dann erst wieder die Hütten der Aciéries de Rombas etwa 500 000 t im Jahr. Die gesamte eisenschaffende Industrie ist praktisch in Privatbesitz; staatliche Anteile gehören zur Rarität. Die Werke selbst sind sehr verstreut und aufgeteilt, konzernmäßig nicht zusammengefaßt und produktionell und leistungsmäßig kaum mit unseren Eisen- und Stahlwerken zu vergleichen. Konzernähnlich wäre lediglich die durch Aufsichtsratsaustausch und gegenseitige Kapitalbeteiligung miteinander interessierten Eisenwerke „Marine et Homécourt“ und „Nord et Est“ in der Normandie; diese verfügen zusammen über 750 000 Jahrestonnen Produktionskapazität. Die Gruppe Schneider-Creusot wird als eisenschaffendes Werk im allgemeinen weit überschätzt; – sie hat nur zwei Hochöfen mit 50 000 t Roheisenleistung im Jahr und acht Martinöfen mit 100 000 Jahrestonnen Stahlleistung. Weder de Wendel noch Schneider sind die Vertreter der französischen eisenschaffenden Industrie. Es sind eben 30 weit verstreute Werke mit Hunderttausenden von kleinbürgerlichen Mitbesitzern. Eine Bindung der Werke untereinander findet eigentlich erst in den Arbeitgeberverbänden statt – fachlichen Koalitionen, die in ihren Aufgaben auch eine Art Verkaufsverbände darstellen.

Nun ist neuerdings im Zuge der Rieseninvestitionen in der französischen Stahlindustrie durch private und staatliche Mittel und Marshall-Plan-Mittel eine gewisse Konzentration entstanden oder vielmehr erst im Werden, so zum Beispiel die „Union des consomateurs de produits métallurgiques et industriels“ – in Hagondange, eine Gesellschaft, an der die Autofirmen Peugeot, Renault und ferner Brückenbaufirmen beteiligt sind. Holdingcharakter zeigen die zwei großen Neugründungen USINOR und SOLLAC. Die USINOR mit zwölf Md. ffr. Kapital ist ein Zusammenschluß der 1948 in Nordfrankreich gegründeten Société des Forges et Aciéries de Denain et d’Anzin und der Société des Forges et Aciéries du Nord et de l’Est; ihr gemeinsamer Name ist Union Sidérurgique du Nord de la France (USINOR). In Ostfrankreich entstand eine Holding für acht lothringische Gesellschaften und eine Saar-Gesellschaft mit 2,5 Md. ffr. Kapital und erheblichen Dollargeldern, die sogenannte SOLLAC mit dem Namen Société Lorraine de Laminages Continu. Der Sinn dieser Neugründungen ist, grob ausgedrückt, 140 veraltete Hochöfen in Frankreich durch 20 neue zu ersetzen und die Stahlproduktion von 8 Mill. t plus 1,4 Mill. t an der Saar auf 14,8 Mill. t 1952/53 zu steigern, obwohl Frankreich selbst wahrscheinlich kaum mehr als 9 Mill. t verbrauchen kann. Da in Deutschland eine Kapazität von 15 bis 16 Mill. t erhalten geblieben ist, drängt die französische Stahlentwicklung zu einer Verständigung mit der „unerschrockenen Dynamik der deutschen Industriellen“.

Bei nüchterner Betrachtung ist zu erkennen, daß von einer Europa-AG. wegen völliger Ungleichheit der einzelnen Aktionäre in wirtschaftlich unterrichteten Kreisen nicht gesprochen werden könnte. Eine solche Konstruktion widerspräche auch dem Wortlaut der Erklärung des französischen Außenministers vor dem Kabinett Diese besagte, daß „die gesamte französische und deutsche Kohlen- und Eisenerzeugung einer gemeinsamen Behörde zu unterstellen ist“, die „erste Etappe zur Schaffung einer europäischen Föderation begonnen werden soll“, daß kein Kartell entstehen solle und daß „die Regierungen unterzeichnen, die Parlamente ratifizieren, unabhängige Persönlichkeiten als Mitglieder dieser Föderation von den Regierungen zu ernennen sind und über das Eigentum der Werke keine Entscheidungen getroffen werden dürfen“.

Reichelt