H. M. W. Wien. Seit Monaten schon leben die 360 000 Volksdeutschen, die der Krieg nach Österreich verschlagen hat, und die gemessen an der Wirtschaftskraft des Landes ein überaus ernstes wirtschaftliches und soziales Problem darstellen, in der Sorge vor dem Gesetzentwurf zum Schutz der inländischen Arbeiter. Dieses Gesetz drohte, ihnen die Gleichberechtigung auf dem Arbeitsmarkt und die Möglichkeit des beruflichen Aufstieges zu nehmen. Die Nervosität, die der Entwurf hervorrief, hat im vergangenen Sommer sogar zu zahlreichen illegalen Grenzübertritten nach Westdeutschland und zeitweise zu einer Zusammenballung von Heimatlosen an der deutschen Grenze bei Freilassing geführt. Inzwischen sind zwei Ereignisse eingetreten, die der Stimmung der Volksdeutschen zunächst einmal beruhigt hat. Zum einen hat die Sozialdemokratische Partei durch Gründung einer Interessengemeinschaft Volksdeutscher Heimatvertriebener erkennen lassen, daß auch sie von dem Gesetzentwurf, der schon immer auf Widerstand gestoßen war, abzurücken gedenkt. Zum anderen hat die Salzburger Tagung des Weltkirchenrates hinsichtlich des Problems der Vertriebenen ganz neue Perspektiven eröffnet

Die Masse der Volksdeutschen, die sich ausschließlich im westlichbesetzten Teil des Landes aufhalten, erweist sich bei näherer Betrachtung keinesfalls als homogen. Die 120 000 Sudetendeutschen stellen das westlichste technisch fortschrittlichste Element dar. Sie hatten traditionell die engsten Beziehungen zu Österreich, da und dort lösen sie leises Ressentiment aus, Den einen sind sie allzu rührig, allzu geschäftstüchtig, den anderen wieder will es scheinen daß sie auf der Reise nach Berlin nur durch eine weltgeschichtlich falsch gestellte Weiche nach Österreich gekommen sind. Trotzdem werden die Sudetendeutschen am allerfrühesten in der übrigen Bevölkerung aufgehen. Weit länger wird die Assimilierung der 180 000 Schwaben aus Jugoslawien, Ungarn und Rumänien dauern, zu denen noch etwa 16 000 Bukowiner, 10 000 Siebenbürger Sachsen und kleinere Trupps von da und dort gestoßen sind. Es handelt sich hier um Nachkommen jener Siedler, die Prinz Eugen und Maria Theresia in jenes Gebiet entsandt hatten. Am Rande sei vermerkt, daß nur von den Siebenbürger Sachsen, die auf eine ältere Kolonisationstätigkeit zurückblicken, ein großer Teil in der alten Heimat verblieben ist, wo sie – seltsame geschichtliche Analogie – als einzige deutsche Gruppe zweieinhalb Jahrhunderte in einem türkischen Vasallenstaat gelebt haben, um nun denselben Versuch in einem russischen Vasallenstaat zu wagen. Im wesentlichen sind all diese deutschsprachigen Flüchtlinge aus dem alten Ungarn Bauern oder bäuerliche Handwerker geblieben; sie führen nun das traurige Leben emigrierter Bauern. Aber eben diese Bodenverbundenheit liegt den Salzburger Plänen des Weltkirchenrates zugrunde. Die Nachkommen der einst vom kaiserlichen Wien entsandten Kolonisten sollen nun im Kernland noch einmal das Wunder einer großen Siedlung zustande bringen.

Da die österreichische Regierung dieses Wunder keinesfalls finanzieren kann, ja, es schwer genug findet, die Flüchtlinge wie bisher mit 40 Millionen Schilling im Jahr zu unterstützen, muß dieser Plan mit dem Kapital internationaler religiöser und karitativen Organisationen durchgeführt werden. Eine weltweite Werbung für diesen „Modellvorschlag“ muß also vorangehen, der in seiner großzügigen Einfachheit auch der Farmersfrau in Ohio oder dem methodistischen Lehrer auf Bermuda einleuchten kann. Es handelt sich zunächst um die Seßhaftmachung von 10 000 bäuerlichen Familien auf landwirtschaftlichen Kleinsiedlungen, wobei allerdings die mit 35 000 bis 40 000 Schilling (1 DM = 5 bis 6 Schilling) angegebenen Kosten pro Siedlung zu niedrig angesetzt erscheinen. Eine Steigerung der Meliorationstätigkeit von gegenwärtig 5000 hat auf 20 000 ha sollte durchaus möglich sein. Allerdings läßt sich der Plan im gegenwärtigen Umfang nur im Osten des Landes, also in der russischen Zone, verwirklichen. Nur dort gibt es genug Boden. Aber keiner dieser Bauern und Handwerker wird freiwillig seinen Fuß über die Demarkationslinie setzen. Die Furcht derer, die sich schon einmal auf den Marsch gemacht haben, ist unüberwindlich Und es nützt nichts, darauf hinzuweisen, daß die eingesessene Bevölkerung Ostösterreichs vorläufig in Ruhe säen und ernten kann, daß es neben russischen Kommandanturen unversehrte große Domänen gibt, ja daß auf einigen habsburgischen Schlössern sogar noch Erzherzoge als Gutsherren walten: Der Flüchtling traut all dem nicht, kann nicht vergessen, daß nur wenige Meilen weiter östlich die Kette der totalitären Staaten beginnt, in denen seine Nachbarn von gestern ihren letzten, aussichtslosen Kampf als freie Bauern kämnfen.