Von Friedrich Luft

Die glühenden Monate des ersten Beginns 1945! Als man zu Fuß in das Deutsche Theater pilgerte, Paul Wegener als Nathan zu sehen. An der Peripherie begeisterte Jürgen Fehling mit dem vollen Paukenschlag einer rüde zugreifenden Ur-Faust-Inszenierung. Im Hebbeltheater war Karlheinz Martin: tätig, bei Nacht mit seinem Ensemble eigenhändig das durchlöcherte Dach zu flicken. Bei Tage probten sie Ardreys „Leuchtfeuer“, jenes Stück, das genau auf den Tag und die Stunde traf, einen sauberen Optimismus aus sauberer Skepsis ziehend. Ernst Busch in der Hauptrolle, das Clairon seiner revolutionären Stimme zum ersten Male seit zwölf Jahren wieder hören lassend. Jede folgende Premiere ein lustvolles Nachholen. Bewährung von bis unlängst Verpöntem. Noch war die böse Spaltung der Stadt nicht wirksam. Noch waren Akklamation und Beifall ungetrübt. Die Welt versuchte hier vorerst jeweils das Beste anzubieten: aus Frankreich, Amerika, England und Rußland das Zuträglichste. Und in ausländischen Blättern war immer wieder zu lesen, daß kein Spielplan bunter, internationaler, erregender sei als der Berliner.

*

Das Bild heute: Wenn die Bühnen überall nach der Währungsreform stark vermindert wurden – in Berlin tat die Blockade ein Weiteres, sie zu reduzieren. Trotzdem: so heikel die Geldnot auch erst die Theaterfreunde und damit die Theater selber treffen mag –, die Lust ist geblieben, und überfüllt mit Sicherheit jedes Parkett, wo jenseits der Rampe sich wirklich Bedeutendes zuträgt. Die absolute Spaltung der Stadt hat hier eher weckend als hemmend gewirkt. In Ostberlin ist die These offen gesetzt worden, daß jede gelungene Aufführung dem Sieg einer politischen Schlacht gleichzusetzen sei. Davon ist viel zu spüren. Fast immer mischt sich Politik in die Kritik. Fast immer wird die Auswirkung im bösen Krieg der Meinungen abzulesen sein. Ein kalter Krieg der Künste. Als Folge: Ein Hochtreiben des künstlerischen Standards auf beiden Seiten. Der Beschauer, wenn er klug ist (und er hat hier Klugheit lange genug gelernt), wird sich den politischen Vers schnell machen. Es bleibt Zeit, dann von der künstlerischen Steigerung nutzzunießen.

Im Ostsektor werden die Stücke vorerst nach marxistischer Anwendungskraft gewählt. Da geht selten etwas durch, das nur der reinen Anschauung diente. Und wenn, dann mit dem Gedanken der Verlockung immer im Hintergrund. Streng wacht die kommunistische Parteikritik – und alle Kritik ist Parteikritik jenseits des Brandenburger Tores – auf den politischen Effekt. Als Brecht sein Anti-Kriegsstück von der „Mutter Courage“ zeigte, mußte er sich in offener Diskussion sagen lassen, daß das Stück ideologisch nicht fehlerfrei sei. Die Genossen in China? Die in Griechenland? Die damals in Spanien? – Der kapitalistisch imperialistische Krieg sei zu verdammen. Der Krieg gegen den Kapitalismus nicht. Brechts Replik, es handle sich hier mit dem Dreißigjährigen Krieg um ein sozusagen präkapitalistisches Milieu, wurde nur murrend akzeptiert.

Sichtbare Beispiele dieser offiziellen Richtung wurden aus Moskau genug importiert. Unschwer für die Westkritik ist es dann wieder, sie zu zerlegen, in das, was sie sind: plattes Propagandatheater, mit Mitteln der Meiningerschule ein offiziell akzeptiertes Parteidogma jeweils aufs Plakatartigste der immer breitesten Masse verständlich machend. Dort ist kein Feld mehr für Dichter. Nur ein streng abgegrenztes Aufgabengebiet für politische Werbefachleute in Dialogtechnik.

*