Herbert Rittlingers „Sieben Schiffe“

Kein Mensch weiß in dem kleinen oberbayrischen Dorf Obing, wovon dieser Herr Rittlinger eigentlich lebt. In der Gemeindeikarcei wird er zwar ordnungsgemäß als „Schriftsteller“ geführt, aber darunter kann man sich nichts Rechtes vorstellen. Man hält ihn für eine Art Buchdrucker und vermutet, daß er arbeitslos ist, weil er es sich leisten kann, am hellichten Tage mit seinem Töchterchen spazieren zu gehen. Manchmal kommen die Bauern auch in ein Gespräch mit ihm. Über den wieder einmal aufgekommenen Föhn, beispielsweise.

Nur einmal stand der blonde Mann im Mittelpunkt dörflicher Sensation. Vor dem Hause, in dem er zwei kleine Zimmer bewohnt, fuhr ein riesiger Maybach-Wagen vor. Ihm entstieg ein südländisch aussehendes Ehepaar, das Herrn Rittlinger und seine Frau stürmisch umarmte und in fremder Sprache begrüßte. Und als der fremde Herr dann gar noch zum Auto ging, um ihm eine große Tasche zu entnehmen, deren Inhalt er an die umherstehenden Kinder verteilte, da wuchs das Ansehen des Nichtstuers Rittlinger ganz gewaltig. In der Tasche hatte sich lauter Schokolade befunden ...

Nur zwei im Dorfe wissen um den jungen Mann genauer Bescheid: der Pfarrer, der sich immer Bücher bei ihm ausleiht, und der Postbote, der täglich viele Briefe und Zeitungen aus aller Welt bringt. Wer von den Einheimischen Gelegenheit hatte, einen Blick in das eine der beiden Zimmer zu werfen, die Herr Rittlinger bewohnt, der sah, wie sich bis zur Decke hinauf Regale recken, vollgepfropft mit Büchern aller Größen. An den Wänden hängen große Fotos, auf denen Wilde, Urwälder und Herr Rittlinger in einem Paddelboot zu sehen sind.

Rittlinger weiß selber nicht ganz genau, wieviel Bücher er schon veröffentlicht hat. Jedenfalls aber übertrifft das, was da soeben in der Deutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erschienen ist, mit seinen 500 Seiten alle übrigen. Im Umfang und auch in der Eigenart. Es heißt „Sieben Schiffe oder die große Sehnsucht“. „Mit diesem Buche habe ich einmal versucht, eine völlig neue Art des Reiseberichts zu schaffen“, erklärt der Autor.

Ehe Rittlinger Bücher schrieb, war er Goldschmied in seiner Heimatstadt Leipzig. Eines Tages paßte ihm das nicht mehr. Er nahm sein Faltboot und startete zu einer kleinen Wasserfahrt. Als erster Faltbootfahrer bezwang er den oberen Euphrat. Damals war er ganze achtzehn Jahre. Er fand das Weltenbummeln angenehmer als das Goldschmieden und rüstete zu einer zweiten Fahrt. Diesmal ging es von den Karpathen ins wilde Kurdistan. Viele Monate lang. Aber der junge Globetrotter wollte noch mehr erleben, und deshalb entschloß er sich, berufsmäßiger Weltenbummler zu werden. Er wurde es auch und durchstreifte China und Japan, die Südsee, Australien, die griechischen Gewässer, die Küste des Schwarzen Meeres und schließlich die Urwälder Südamerikas, die den Amazonas, den gewaltigsten aller reißenden Flüsse, säumen und den er als erster Mensch mit dem Faltboot von der Quelle bis zur Mündung befuhr und erforschte. Diese Amazonasfahrt war seine tollkühnste. Sein Boot mußte er mit Maultieren in das über 4000 Meter hohe Quellgebiet schleppen lassen. Dann setzte er es aufs Wasser und paddelte. Monatelang lebte er wie Robinson in der Urwaldeinsamkeit. Begleitet von den Gefahren der reißenden Stromschnellen und der Kampfeslust wilder Tiere. Oft zwang ihn der Strom, die Fahrt zu unterbrechen. Da mußte er sich mit dem Buschmesser einen Weg durch den Dschungel bahnen, um sein Boot am Ufer entlangzuschleppen.

Eine Fahrt, die keinen Mut und kein Draufgängertum forderte, hätte ihn nicht gefreut. Deshalb hatte er seit jeher zweifelhafte alte Raddampfer für seine Rundfahrten vorgezogen, deshalb suchte er die Bekanntschaft mit Seeräubern, deshalb wäre er um ein Haar von Kopfjägern skalpiert worden, deshalb war er unter die Goldgräber gegangen und deshalb eben hatte er sein Boot auch auf den von Schlangen und Krokodilen wimmelnden Amazonas gesetzt.