Notizen über die Außenministerkonferenz von unserem Londoner Korrespondenten Edgar Gerwin

London, Mitte Mai

Es war alles sehr sorgsam vorbereitet. Lange bevor Dean Acheson den Staub Washingtons und den Schmutz Senator Mac Carthys abschüttelte, am nach Europa zu fliegen, hatten die Experten der drei alliierten Außenministerien jeden mir erdenklichen Punkt für die mutmaßliche Tagesordnung gründlich durchgekaut. Man erwartete eine zwar wichtige, aber nicht auf unmittelbar sichtbare Ergebnisse abgestellte Serie von Konferenzen.

So warm schien die Maisonne, daß Acheson seinen Mantel in der amerikanischen Botschaft zurückließ und offenbar gar nicht bemerkte, daß er damit die strengen englischen Regeln der Männermode aufs Schwerste verletzte: in blauem Anzug und braunem Hut präsentierte er sich den Kameras; welch Glück, daß die britischen Zeitungen noch nicht im Farbdruck erscheinen! So schüchtern bewegte sich der „Anthony Eden Amerikas“, daß Bevin, abgemagert, gealtert, aber lächelnd die Szene mit seiner Jovialität beherrschte und alles zum Besten zu reifen schien

Wenige Stunden später präsentierte sich zwar London noch immer im Charme seiner Maienpracht, doch Bevins Züge hatten sich beträchtlich verdüstert. Der französische Botschafter hatte ihm. und Acheson den Text der Erklärung überreicht, mit der Außenminister Schuman in Paris den Unionsvorschlag für deutsche, französische „und andere“ Kohlen- und Stahlindustrien bekanntgab. Es war ein harter Schlag für Bevin, dieser Schuman-Plan, gewissermaßen ein Tiefschlag. Bevin fühlte sich als Gastgeber, als Sozialist und als politischer Stratege in europäischen Angelegenheiten getroffen.

Als Gastgeber hatte Bevin sich die Tagesordnung so gedacht, daß die Aktivierung des kalten Krieges das Leitmotiv, und der Ferne Osten die erste Variation sein sollte, „jetzt ist“, so stellte jemand erschrocken fest, „Deutschland plötzlich sehr viel stärker in den Mittelpunkt der Konferenz gerückt!“ Mehr noch, es war dem einen Gast, Acheson, sogar recht lieb, daß der andere Gast, Schuman, einen Kern mitgebracht hatte, um den sich neue Hoffnungen gruppieren können. Es kann dabei bereits als erste neue Hoffnung verzeichnet werden, daß in vorsichtigen Äußerungen amerikanischer Experten sowohl der föderative als auch der expansionistische Charakter des Schuman-Plans als wahrscheinlich ausreichender Panzer gegen die zu erwartenden Anti-Trust-Geschosse aus den USA angesehen werden. Diese Sachverständigen halten den politischen Triumph über die vielen, die Amerikaner aufreizenden Hindernisse auf dem Weg zur europäischen Zusammenarbeit für eine wirksame Abwehr isolationistischer Kritik aus den USA. Der Nachdruck, der auf der Rationalisierung und Erweiterung der europäischen Stahlindustrie liegt, scheint diesen Amerikanern eine wirksame Entkräftung der etwaigen Kartellvorwürfe. Für Acheson aber, der nach den Erfolgen des Marshall-Plans in Europa sucht, um einen neuen Acheson-Plan für Südostasien (und vielleicht auch den Mittleren Osten) aufzustellen, ist Schumans Plan fast ein persönlicher Erfolg des Ausharrens, so meinen seine Freunde.

Vielleicht hätte sich der Gastgeber Bevin wenigstens an der Zufriedenheit seiner Gäste freuen können, wenn nicht auch der Sozialist in Bevin so hart getroffen worden wäre. Es muß die gesamte Labour-Regierung zutiefst wurmen, daß ihr Außenminister von Schuman nicht orientiert wurde, während mehrere Anzeichen dafür vorliegen, daß die britische konservative Opposition von dem Schuman-Plan nicht völlig überrascht wurde. Es war also nicht nur rasche Archivarbeit, daß parlamentarische und journalistische Äußerungen von Eden und anderen Konservativen aus den letzten beiden Jahren zitiert wurden, in denen eine Verminderung nationalistischer Gefahren durch eine Zusammenfassung der westeuropäischen Schwerindustrien prophezeit und den Westmächten ein „sachverständiges Studium empfohlen wurde. Wenn daher in den nächsten Tagen aus konservativen: Munde ein abgewogenes Urteil über den Schuman-Plan erfolgen sollte, vielleicht noch bevor es zur Unterhaus-Debatte kommt, so darf man darin das Ergebnis einer sehr langfristigen Vorprüfung sehen. Die noch private britische Stahlindustrie aber, die sich in Leistung und Kosten für durchaus konkurrenzfähig hält, kann neben der Beobachtung der kontinentalen Reaktionen auf Schuman auch noch ein Auge auf Cripps und seine verstaatlichte Kohlenwirtschaft werfen, deren Kosten sich nicht reibungslos in eine europäische Anpassung der Lebensumstände und Leistungen der Arbeiter einfügen ließen. Zwar ergeben sich auch für Stahl so viele Einzelprobleme, daß niemand in diesem Stadium ein vorbehaltloses Ja der britischen Stahlvereinigung erwarten darf, die wahrscheinlich fürs erste sehr viel lieber abwarten oder sich auf eine – von Schuman bisher nicht vorgesehene – „außerordentliche“ Mitgliedschaft beschränken möchte. Doch der von Churchill zur konservativen Parole erhobenen, weit über die normale konservative Anhängerschaft hinaus vor allem in der britischen Jugend populären Idee der europäischen Föderation ist durch den Schuman-Plan eine Bekräftigung erwachsen, die den Labour-Politikern einen ganz unfrühlingshaften Schüttelfrost verursacht hat.