Von Martin Beheim-Schwarzbach

Angesichts der neuen, aus heiterem Himmel über uns hereingebrochenen Papierknappheit ist es tröstlich festzustellen, daß die geringen verbliebenen Vorräte verständig angewandt werden, etwa im Sinne des Satzes: „Von meinen fünf Pfennig geb’ ich drei für Bonbons aus, den Rest verprass’ ich sinnlos.“ Wenn wir nur zu lesen verstehen, schälen sich die beachtenswerten Ereignisse schon von selber heraus, und wir nehmen tief aufatmend zur Kenntnis, daß Ingrid Bergmans Töchterchen nun doch beim Vater bleibt, oder daß Aga Khan das Gerücht seiner Scheidung von Rita tatkräftig dementiert, oder daß im bayrischen Bier, dem neuen, hochprozentigen jedenfalls, mehr Kultur steckt als im preußischen Paradeschritt, oder daß Walcott gern Eier ißt, und das alles während Hitler noch lebt, und zwar in einem tibetanischen Kloster.

Vor allem erfahren wir mit Genugtuung, daß die edle Kunst des Hungerns wiedererweckt worden ist und von Virtuosen geübt wird. Es ist etwas Schönes um die Veredlung und Musifizierung von Dingen, denen von Natur aus ein fataler Beigeschmack und schlechter Geruch anhaftet. Wir hatten schon gefürchtet, das Hungern sei in die Hände der breiten Masse geraten und in Verruf und Verfall gekommen, doch es haben sich beherzte künstlerische Naturen gefunden und die Rehabilitierung dieser Fertigkeit in die Wege geleitet. Sie sind dabei, sie aus einer Banausität zu einer Kunst zu machen.

Wir leben im Grunde in einem kunstfeindlichen Zeitalter. Diese Behauptung braucht nicht erläutert zu werden. Es liegt wohl an der Kunst selbst: es mangelt ihr an Auftrieb, an Nahrung für die Jugend, an neuen Motiven. Hier springt der Hungerkünstler in die Bresche und beschreitet Neuland, reißt verstaubte Vorurteile nieder und schafft Ideale, um die sich’s zu leben wieder lohnt. Er sitzt in einem Glaskasten und ist unermüdlich mit Hungern beschäftigt. Gegen nur geringe Eintrittsgebühr kann man in atemloser Spannung verfolgen, wie er hungert, hundert Tage, hundertzwanzig und mehr. Hier werden nicht Steine statt Brot gegeben, sondern solch ein Hungerer spendet, indem er das Brot verweigert, zwar nicht eben dieses Brot als solches, aber die Nahrung eines erhebenden Schauspiels fürs Volk, einer kühnen Idee; und wer weiß, vielleicht wird noch einmal eine wirkliche Parole, ein Banner, ein Kampfruf daraus. Es wäre nicht das erste Mal, daß eine Parole aus einer Werkstatt, wo sie ersonnen wird – und den Glaskasten dürfen wir als Werkstatt ansehen –, auf die Straße gelangt und dort zur Macht.

So schiebt und drängt sich denn auch mit Recht die Menge vor der Stätte dieses verwegenen Vorstoßes in unerschlossene Gebiete menschlicher Entwicklung, und staunt. Die Vorsichtigen unter ihr bringen, so ist anzunehmen, sich ihr Frühstück oder Vesperbrot mit, Stadien mit Zervelatwurst oder Edamer Käse, um sich vor allzugroßer Ergriffenheit zu schützen, und in die atemlose Stille und Spannung der unter Hunger dahinjagenden Stunden und Tage dringt nur das Knistern von Butterbrotpapier und das Schmatzen der Clünder. Ab und zu zuckt Blitzlicht auf. Dieser Vorgang ist noch ohne Tradition, sonst würde von der Menge spontan die Hungerhymne angestimmt werden, die ja dermaleinst, kommen wird, wenn das neue Ideal erst Gemeingut des Volkes und der Volksdemokratie ist; einstweilen aber verharrt die Menge noch in ehrfürchtigem Schweigen, und niemand bemerkt es, wenn hier und da ein junger, strebender Mensch ganz still für sich versucht, dem Großen da im Kasten nachzueifern.

Und es bleibt nicht bei einem. Der Große im Kasten bekommt Konkurrenz, macht Schule und ruft zu Gegenschulen auf. Neue Hungerkünstler treten auf den Plan, und, wie die Menschen einmal sind, erbitterte Fehden zwischen verschiedenen Richtungen des Hungerns brechen aus. Der eine beruft sich auf diese, der andere auf jene Meister und Methoden. Variationen werden eingeführt, die das Schauspiel für die Menge noch schmackhafter und anziehender machen sollen. Augenblicklich sind zu diesem Zwecke Vipern und Glasscherben in Mode, doch das sind zweifellos nur vorübergehende Modenarrheiten, die von anderen abgelöst werden – dem freien Spiel der Phantasie steht nichts im Wege, und es ist eine Lust, zu leben.

Wie jede bedeutende Vorstellung, findet auch diese mehr und mehr ihre Rezensenten – von Jean Paul Schmeckherren genannt – die sie besuchen und ihre Meinung darüber in gefeiltem Stile publizieren, um dem Publikum die Bildung einer eigenen Meinung zu erleichtern. Wenn diese Zeilen schon als eine solche Rezension gelten dürfen, so sei angemerkt, daß der Hungerkunst, wie sie gegenwärtig vorgeführt wird, noch ein Schönheitsfehler anhaftet, nämlich der übermäßige Konsum von Zigaretten und Selterswasser. Ein Weniger wäre hier mehr, und in der Beschränkung zeigt sich erst der Meister. Der Großmeister der Zukunft wird zweifellos ohne diese Hilfsmittel auskommen. Dir Dekoration des Glaskastens zeugt von subtilem Stilempfinden. Das Mienenspiel des Künstlers wies zwischen der 37. und 45. Stunde seiner Tätigkeit Zeichen starker Anspannung und von der 107. Stunde bis in die 113. hinein Merkmale einer übertriebenen Verklärung auf. Es muß und wird ihm gewiß gelingen, auf dem Gebiete der Mienenspielbeherrschung seine Form noch zu verbessern. Er sollte bei seiner ferneren Ausbildung und Vervollkommnung im Auge behalten, daß es der Schein der Mühelosigkeit ist, der wirkliche Kunst auszeichnet. Endlich müßte sich die Regie das gewiß schwierige Problem der Wiederausfuhr des Selterswassers noch angelegentlicher zu Herzen nehmen; vielleicht wäre an diesem Punkte die Zuhilfenahme des Humors zur Verbrämung des Vorganges zu empfehlen.

Was übrigens das Selterswasser und die Zigaretten angeht, so sei an eine reizende Miniatur erinnert, nach der es vom Heiligen Franziskus geheißen hat, er habe sieben Tage lang vom Zirpen einer Grille leben können. Wie wenig gleichen wir ihm doch, und auch der Meister im Glaskasten ist noch weit von ihm entfernt.