Rilke, der einsame, unstete, unbehauste – ein Ehemann? Er ist es gewesen, und sogar Stammvater; im vorigen Jahr kam ein Urenkel von ihm auf die Welt. Dem Dichter des „Malte Laurids Brigge“ und der „Duineser Elegien“ scheint das seltsam anzustehen. Aber der Frau und Stammutter aus Bremer Kaufmannsgeschlecht, Clara Westhoff-Rilke, ist der Part ungebrochener Vitalität zugefallen. Die Siebenundsiebzigjährige, in grauweißem, hartem Haar, im Adlerprofil der Wesermarschbäuerinnen, verläßt nur ungern ihren Worpsweder Horst, den sie 1901 mit Rainer Maria gegründet hat. Dieser Tage kam sie nach Hamburg, ins Gästehaus des Senats, und sollte „Erinnerungen an Rilke“ mitteilen. Viele Zuhörer waren erschienen, weihevolle Hochstimmung erwartend; sogar für eine musikalische Pause (Bachs Chaconne, gespielt von Gerhart Hauptmanns Schwiegertochter Eva) war Sorge getragen. Aber Clara Westhoff, die Bildhauerin, ist ganz unschwärmerisch. Sie schlägt keine feierlichen Töne an, wenn sie von der kurzen Zeit berichtet, wo sie – erst in Worpswede, dann in Paris – mit Rilke zusammengelebt hat.

„Ich will mal versuchen, Ihnen was zu erzählen.“ Und dann fängt sie ganz familiär an: Wie sie Ende der neunziger Jahre Malschülerin in München war und hörte, daß sich ganz nahe bei Bremen einige Maler niedergelassen hatten, wie sie neugierig nach Worpswede fuhr, wie dort Fritz Mackensen ihre plastische Begabung entdeckte und sie nach Leipzig zu Max Klinger schickte, der ihr aber nur riet: „Fahren Sie zu Rodin nach Paris!“, wie ihre Freundin Paula (später die große Malerin, Paula Becker-Modersohn) ihr zum Anbruch des neuen Jahrhunderts nach Paris nachkam und am Silvesterabend mit einem großen Bremer Stollen (einem „Klaben“) im Himmelbett lag und wie „da dann die schöne Pariser Zeit anfing“. Es kam die Weltausstellung und zu ihr als Besucher die Maler aus Worpswede, Otto Modersohn, Heinrich Vogeler. „Wir waren stolz, daß wir sie führen konnten.“ Ein Telegramm, das den Tod von Modersohns Frau meldete, rief alle (auch Clara und Paula) nach Worpswede zurück. „Und nun fing ein schöner Sommer an. Da kam auch Rilke nach Worpswede.“ Eingeladen von Vogeler, zum Schrecken von dessen Haushälterin. „Das ist ja ein merkwürdiger Mensch, der zieht sich sein Hemd über die Hose.“ Rilkes Russenbluse wurde das Tagesgespräch der Worpsweder Bauern.

„Dann kam es also so, daß wir heirateten.“ Mehr nicht. Es hört sich an wie eine Eintragung in der Familienchronik. „Dann hab’ ich Ruth bekommen, meine Tochter.“ „Und dann sind wir wieder nach Paris gegangen, weil Mütter meinte, Rilke sollte es mal bei Rodin als Sekretär versuchen.“

Über Rodin weiß die Bildhauerin mehr zu sagen als über den Fremdling in der Russenbluse. „Rodin hatte so was Freudiges.“ Aber er konnte auch zornig werden, wenn man Kathedralen restaurierte, und er klagte, daß die „von innen kommende Arbeitsliebe“ verlorengegangen sei.

Dann läßt die Erzählerin eine Pause eintreten. Die Chaconne wird mit leichter Ungeduld angehört. Alles wartet auf die Fortsetzung des Berichts. Aber das Leben mit Rilke war schon zu Ende. Der Stammvater ist nicht in den Horst zurückgekehrt. Das Werk hat die Person des Dichters abgelöst.

Doch kein Wort darüber sagt die Frau, der das widerfuhr, weder ein schmerzliches noch ein erläuterndes. Sie beginnt, Gedichte zu lesen, noch eins und noch eins, mit leiser Dringlichkeit, und noch wieder eins – bis erlösender Beifall das Ende dieses verschwiegenen Zeugnisses mehr herbeiführt als bestätigt. C. E. L.