Was Charles Dickens im viktorianischen Zeitalter begann, nämlich die soziale Stellung des untersten Standes dem realistisch-positivistisehen Bürgertum vor Augen zu führen, war nur der Anang des Weges, auf dem noch heute – allerdings mit unterschiedlichen Vorzeichen – selbst kleinste Epigonen wandern. Der moderne englische Unterhaltungsroman ruht selbstverständlich noch auf gewichtigeren Säulen, aber gerade die mehr dem Mittelmaß zuneigenden Exponenten erscheinen charakteristischer als Namen, wie Hardy, Bennett, Wells oder gar Walpole. Dem Volumen dieser epischen Gattung entspricht die Quantität, über die man als Deutscher staunen muß, als Engländer aber wohl verständiger denkt –: denn wo sonst spielt heute die Gesellschaft im althergebrachten Sinne noch eine so ausschlaggebende Rolle wie auf der Insel jenseits des Kanals!

Zu den Autoren, die der Gegenwart ihr Recht geben, gehört A. J. Cronin, dessen Roman „Die Zitadelle“ seinen Namen auch bei uns bekanntgemacht hat. Während er dort die Problematik des Arztes in den großen Rahmen sozialer Forderungen stellte, hat er für sein (im Paul Zsolnav Verlag, Berlin, erschienenes) Buch „Doktor Shannons Weg“ den Kreis enger gezogen. Der medizinische Forscher, dem es nach langwieriger und durch äußere Umstände erschwerter Arbeit gelingt, das Mittel gegen eine Seuche zu finden, muß gleichzeitig um die Liebe eines durch religiöse Bande unfreien Mädchens ringen, die ihm nur für den bitteren Preis zuteil wird, daß seine Forschungen bereits von anderer Seite erfolgreich durchgeführt wurden.

Marguerite Steens Roman „Die schwarze Sonne“ (J. P. Toth-Verlag, Hamburg) ist Öl auf das Feuer der Lesewütigen. Über tausend Seiten dürfen verschlungen werden, auf denen sich farbenprächtig das Familiengemälde derer von Flood abzeichnet. An Ereignissen einschließlich heißblütiger und dramatischer Liebe fehlt es wahrlich nicht. Die Floods sind eine große Kaufmannsfamilie im Bristol des 18. Jahrhunderts. Es gibt also noch Dreimastbarken, Sklavenhandel und Abenteuer in Übersee. Marguerite Steen hat aus alldem ein historisches Monument gebastelt, das in seinen einzelnen Partien, obwohl man parfümiert kichert, sich in den Salon verfügt und an Zigarren labt, packende Schilderungen aufweist. Es ist die Atmosphäre vieler Rank-Filme.

Fame is the spur, ein Roman Howard Springs, muß in der deutschen Ausgabe unter der Marke „Liebe und Ehre“ (Claaßen & Goverts, Hamburg) reisen, was ein gewiß nicht animierendes Aushängeschild für ein Buch ist, das beachtet werden sollte. Spring, Autor der „Geliebten Söhne“, erweist sich in diesem in England bereits 1940. erschienenen Werk als echter Romancier angloamerikanischer Schule. Sein Hamer Showcross, dessen Lebensweg vom Kind im Manchester Armenviertel über die Stufen des Erfolgs bis zum Politiker der viktorianischen Epoche „läuft, ist in allen Stadien typischer Repräsentant seines Volkes. Die geschickten Überblendungen von Gegenwärtigem mit Zukünftigem lockern dieses ebenfalls umfangreiche Buch wohltuend auf und lassen schnell die Banalität des Titels vergessen.

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