Von Erich Trunz

Am 18. Mai beginnen in Oberammergau die Aufführungen des Passionsspiels.

Anderthalb Jahrhunderte lang vollzog sich das Oberammergauer Spiel wenig beachtet in ländlicher Stille. 1634 hatten die Dorfbewohner zum erstenmal gespielt; 1674 beschlossen sie, die Aufführungen auf die Zehnerjahre zu verlegen, und von da an spielten sie 1680, 1690, 1700 und so fort. Zuschauer waren die Einwohner des Dorfes und der Nachbardörfer. Die Geistlichkeit wurde jedesmal um Genehmigung gebeten und erteilte sie mit Selbstverständlichkeit.

So ging es ins achtzehnte Jahrhundert hinein; und dann kam – keineswegs die Entdeckung und Weltberühmtheit, sondern das Gegenteil: Es hing nur an einem Faden, und das Spiel hätte für immer ein Ende gefunden. Es war das Jahrhundert der Aufklärung. Man sah damals das Religiöse vor allem in der Moral. Der aufklärerische Vernunftglaube hatte keinen Sinn für die bunten, drastischen Spiele des Volkes. Die Darstellung Christi durch einen Dorfbewohner erschien als Profanierung des Heiligen. Als die Oberammergauer die Spielgenehmigung für 1770 einholen wollten, wurde sie ihnen abgeschlagen, denn der Geistliche Rat hatte ein grundsätzliches Gutachten abgegeben, daß das große Geheimnis der heiligen Religion nicht auf die Schaubühne gehöre. Doch nachdem das Dorf besondere Abgesandte nach München geschickt hatte, wurde die Erlaubnis wieder erteilt. Aber der Geist der Aufklärung, der in den Köpfen der Besten damals bereits überwunden wurde, machte sich in der Provinz nun erst vollends bemerkbar. 1810 wurde das Spiel wiederum verboten, und diesmal sah es so aus, als sei es damit endgültig zu Ende. Die Dorfgemeinschaft wurde in München von den kirchlichen Stellen abgewiesen. In ihrer Not gelang es ihr, zum König vorzudringen, und der Landesvater erwirkte, daß das Spiel wieder stattfinden konnte.

Dann kam die Zeit der Romantik, die das Mittelalter, die Volksdichtung und die religiöse Kunst wieder aufleben ließ. Arnim und Brentano gaben Volkslieder heraus; Görres pries die alten Volksbücher; nun fehlte nur noch, daß man auch das Drama des Volkes entdeckte. Die Bauten und Bilder der Gotik kamen neu zu Ehren. Sulpiz und Melchior Boisserée, in denen die besten geistigen Kräfte des deutschen Katholizismus sich verkörperten, reisten durch Westdeutschland und suchten nach alten Gemälden; sie entdeckten Van Eyck, Rogier van der Weyden und andere Meister, die bis dahin unbekannt gewesen waren. Ihre Bildersammlung wurde die erste große Zusammenstellung altdeutscher kirchlicher Kunst. Als Goethe, der lange zurückhaltend blieb, diese Bilder im Jahre 1814 sah, war er erstaunt und begeistert. Und Sulpiz Boisserée, der kultivierte taktvolle, verstand es, Goethes ganze Zuneigung zu gewinnen.

Boisserée, dessen Werk die gestaltgewordene Verbindung von Mittelalter und Romantik, von Katholizismus und Volksgeist ist, hat nicht nur die großen alten Altarbilder ans Licht gebracht und die Vollendung des Kölner Dombaus angeregt sondern er hat auch Oberammergau entdeckt Im Jahre 1830 war er zu kunstgeschichtlicher Studien in Oberbayern. Bekannte machten ihn auf das Passionsspiel aufmerksam. Boisserée erwartete nicht viel davon. Doch als er dann die Auffihrung sah, war er tief beeindruckt. Und er berichtete darüber an Goethe in einem Brief vom 24. September 1830: „Nicht nur wurde alles mit Ernst und Anstand ausgeführt, sondern der Plan der ganzen Darstellung war auf eine so eigentümliche Weise, mit soviel Verstand und Kunstsinn angeordnet, daß man seine Bewunderung nicht versagen konnte und sich vielfach belehrt und aufgeregt fühlte.“ Boisserée erkannte, daß die künstlerische Höhe der Aufführung damit zusammenhing, daß die Dorfbewohner als Holzschnitzer von Heiligenfiguren dauernd in der geistigen Welt leben, die sie darstellen, so daß ihr ganzes Leben immer auf diese Höhepunkte hin orientiert ist. So sehr er das Stück als ganzes bewundert, so sehr kritisiert er die Prosa und ihren Realismus als „ungenügend“; und darin zeigt sich sein feines Kunstgefühl, denn diese Prosa war erst 1810 aus dem Geiste der Aufklärung heraus in das Stück, hineingekommen. Boisserée bewundert die Mässenregie; er sagt, die Rollen der Juden seien leichter zu spielen als die der heiligen Gestalten. Er lobt den großen Ernst der Spieler und freut sich, daß dieser auf die Zuschauer übergehe: „Die Zuschauer ... betrugen sich höchst schicklich und aufmerksam, ja andächtig. Man sah viele Leute weinen. Alle Beifallsbezeigungen unterblieben.“ – Goethe dankte am 3. Oktober 1830 für die „anmutige Beschreibung“ und reichte diese weiter an seine Schwiegertochter Ottilie. Diese gab damals eine private nur für den Goethe-Kreis gedruckte Zeitschrift „Chaos“ heraus und hier erschien bald darauf Boisserees Brief im Druck. – Das Interesse Boisserees war der Beginn einer allgemeinen Aufmerksamkeit erst in katholischen dann auch in protestantischen Kreisen. Zu der nächsten Aufführung 1840, erschienen bereits viele Tausende von Zuschauern, darunter der bayrische Königshof und der bedeutende Schriftsteller Guido Görres, der in einem vielbeachteten Aufsatz über das Spiel berichtete.

1850 kam dann Eduard Devrient, der Schauspieler, Regisseur und Gelehrte. Seine fünfbändige „Geschichte der deutschen Schauspielkunst“ hatte ihn berühmt gemacht. Er war von dem, was er in Oberammergau sah, im höchsten Grade begeistert und veröffentlichte darüber ein kleines Buch mit Abbildungen. Mit dem Blick des geübten Regisseurs erkennt er die vorzüglichen Leistungen in der Massenregie wie im Einzelspiel. Darin aber, wie hier Darsteller und Rolle verschmelzen, wie alle ihr Tun nicht als Spiel, sondern als Gottesdienst empfinden, erkennt er etwas, was kein Berufstheater je zu leisten vermag. Er kommt zu der Frage, ob ein ähnliches Festspiel, Volksdrama höchsten Ranges, wohl auch anderswo möglich sei; zu der Frage, was die Kunst ganz allgemein von Oberammergau lernen könne. Ganz Ähnliches hat später Max Reinhardt überlegt, als er bei der Aufführung von 1910 mit Staunen die Verwandlung der Zuschauer durch das Spiel beobachtete.

In vierzig Jahren hatte sich ein völliger Wandel vollzogen: Noch 1810 hatten die Oberammergauer Bauern zu hören bekommen, sie sollten ihr unschickliches, kunstloses Spiel einstellen und sich lieber von ihrem Pfarrer das Leiden Christi predigen lassen; vierzig, Jahre später lud der berühmte Devrient die deutsche Kunst ein, bei diesen Dorfkünstlern in die Lehre zu gehen. Seither ist das Oberammergauer Spiel in Deutschland und in der Welt bekannt. Die Berührung mit der Welt hat die Leistungen verfeinert und gesteigert, aber dennoch hat das Spiel seinen durchaus einmaligen und besonderen Charakter bewahrt. Und es wird ihn behalten, sofern Oberammergau selbst seinen Charakter behält.