Von Jan Molitor

Ulm Mitte Mai

Wer eigentlich dieser Arduin Baeran ist, der sich Dr. Eckert nennt und der seit Jahren Flüchtlingskommissar für Ulm und Umgebung war – das ist eine Frage, die gegenwärtig viele Leute in Württemberg beschäftigt. Doch in Ulm hat die Staatsanwaltschaft diesen zweifelhaften Baeran wieder aus der Haft entlassen, weil keine Fluchtgefahr vorläge. Dabei war Baeran vor seiner Verhaftung einmal in die Sowjetzone geflohen, allerdings auch wieder zurückgekehrt. So muß die Haftentlassung viele verwundern, vor allem die Flüchtlinge in den ehemaligen Kasernen auf dem Kienlesberg. Dort nämlich hat Baeran, als er noch Dr. Eckert hieß, Jahre hindurch regiert, wobei ihm höchst seltsame Amtshandlungen unterliefen, von denen die Geschichte mit der Kartei die merkwürdigste war.

Um des Rätsels Lösung zu finden, muß man wissen, daß die Kienlesbergkasernen nicht nur Flüchtlinge beherbergen, sondern zugleich das staatliche Heimkehrerlager Württembergs sind. Wohl hunderttausend Kriegsgefangene aus Sowjetrußland sind hier empfangen, verflegt und heimwärts geleitet worden; aber vorher wurden sie registriert. "Nun wenn schon", erklärte Arduin Baeran, als er noch Dr. Eckert hieß, "was ist Ungewöhnliches dabei?" – Ungewöhnlich war schon, daß der Mann, der die Kartei führte, ein Angestellter namens Plebsd, seinen Posten nur unter der Bedingung erhielt, er müsse Kommunist werden. Ungewöhnlich ist ferner, daß ein prominenter württembergischer Kommunist namens Bettinger ständig Einblick in die Kartei Latte. Aber ganz ungewöhnlich sind die Umstände, unter denen die Kartei verschwand, verborgen wurde und dann wieder ans Tageslicht kam ... Auf den Protest des Roten Kreuzes hatte der Innenminister von Württemberg-Baden die Auflösung der Kartei verlangt. "Dr. Eckert", der Verantwortliche des Lagers, meldete: Befehl ausgeführt! Kartei vernichtet! Und er formulierte und unterzeichnete darüber ein amtliches Protokoll. In Wirklichkeit war die Kartei im Südflügel des Gebäudes versteckt. Als die Polizei Witterung davon erhielt, brachte ein Auto die geheimnisvollen Papiere in die Wohnung des kommunistischen Karteiführers Plebsd. Doch auch dies wurde ruchbar. Schon wurde die Kartei zum Kienlesberg zurückgebracht, wo sie dann endlich beschlagnahmt werden konnte. "Was ist schon dabei?" wiederholte "Dr. Eckert" und leugnete jede Verbindung zu den Kommunisten. Im Gegenteil, er sei selbst ein Feind, ein Opfer, ein Verfolgter: des bolschewistischen Systems, so betonte er, und er wüßte eine rührende Geschichte zu erzählen, wie seine Frau von tschechischen Kommunisten grausam getötet worden sei. Bis sich herausstellte, daß diese seine Frau in Österreich nach wie vor am Leben ist. Bevor dies aber zutage getreten, wußte man schon, daß "Dr. Eckert" mit eigentlichem Namen Baeran heißt. Man glaubt ihm, der zunächst den Geburtsort Wien angab, daß er in Brünn geboren würde. Man vermutet mit einigem Grund, daß er es in vergangenen Zeiten wacker mit den Nazis gehalten hat; man weiß, daß er es zuletzt mit dem Kommunisten Bettinger hielt. Doch wer ist Bettinger? Das ist nun wirklich das Allerseltsamste. Bettinger, prominenter Kommunist, war all die Jahre hindurch Staatskommissar für das Flüchtlingswesen Württemberg – Badens. Energisches Oberhaupt, versierter Redner und Verehrer vieler Frauen, die ihm entsprechendes Geld kosteten, war er zugleich Flüchtlingskommissar im Westen und gläubiger Vertreter jenes östlichen Systems, das diese Heimatlosen erst zu Flüchtlingen werden ließ. Erst vor wenigen Monaten hat der Staat Württemberg-Baden den sanften Mut gehabt, diesen Staatskommissar, der heute als Buchhändler in Stuttgart lebt, "krankheitshalber" zu entlassen.

Man muß nun wirklich fragen, wie diese Postenvergebung überhaupt möglich wurde. "Nun, als der Krieg zu Ende war", so antwortete ein durchaus Eingeweihter, "da gab man, wie überall. auch im demokratisch gewordenen Württemberg jeder demokratischen Partei ihren Posten; die Amerikaner boten Rat und Hilfe, und weil sie damals auch die Kommunisten für aufrechte Demokraten hielten, so bekam auch Bettinger sein Amt. Inzwischen aber drehte sich der Wind, und als es schließlich zum "kalten Krieg" zwischen Washington und Moskau kam, war die Tatsache, daß ausgerechnet ein Kommunist Flüchtlingskommissar in Württemberg-Baden war, eine rein deutsche Angelegenheit.

Und die Kartei? Was sollte die geheimnisvolle Kartei? – Man weiß, was geschah, wenn Heimkehrer in westdeutschen Lagern eintrafen: Sie hatten vor einer Kommission von Vertretern der Besatzungsbehörden zu erscheinen. Baerans Kartei ermöglichte Vergleiche darüber, was die einzelnen Heimkehrer über irgend etwas ausgesagt hatten, etwa von den Orten im weiten Rußland, wo sie gearbeitet hatten, über die Art ihrer Arbeitsstätten und dergleichen. Baerans Kartei ermöglichte noch andere Dinge: Wenn unter den Heimkehrenden Männer waren, die Namen und Herkunft in Sowjetrußland hatten verschweigen oder tarnen müssen – gleichgültig aus welchen Gründen – so war Gelegenheit, dies nun richtigzustellen. Es war eine Kartei, an der allein die Sowjets Interesse haben konnten und vielleicht noch die im Moskausold stehenden westdeutschen Kommunisten. Man hat überhaupt guten Grund, zu sagen, daß Ulm, diese alte, einst so biedere und jetzt so arg zertrümmerte Stadt, offensichtlich anziehend für jede Art von Sowjetagenten ist. Da war ein Mann names Karl Schreiber durch die Sûreté in Waldshut unter dem Verdacht, im Dienst der Sowjetspionage zu stehen, verhaftet und aus der französischen Zone ausgewiesen worden. Wo tauchte er wieder auf? In Ulm, Und hier auch verschwanden Leute, von denen sich dann herausstellte, daß sie – gar nicht gekommen waren: Von der Ostzonengrenze aus hatten Familien in Westdeutschland Nachricht erhalten, daß ihr in Sowjetgefangenschaft vermißter Angehöriger, bezeugt durch seine Personalpapiere, unter den Heimkehrern sei. Die-Papiere waren richtig, der Mann war falsch. Die Sowjets hatten ihren Agenten zu bestimmten Aufträgen bestimmte Papiere gegeben ... Papiere von vermißten oder toten deutschen Kriegsgefangenen, wer weiß es... Doch wie begrüßte der heute amtierende kommissarische Leiter des Lagers Kienlesberg, ein Mann namens Golla, die "letzten" Heimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft, die sich alle sehr offenherzig als Gegner des Kommunismus zeigten? Sie sollten, so sprach er, den asiatischen Bolschewismus nicht mit dem deutschen Kommunismus verwechseln...