Stuttgart, im Mai

Owen Davis gehört zur alten Garde der amerikanischen playwriters. 1923 hat er für sein Drama Icebound sogar den Pulitzer-Preis erhalten. Bei uns wurde in den letzten Jahren das von ihm und seinem Sohne Donald nach Edith Whartons Roman Ethan Frame geschriebene Schauspiel „Die Schlittenfahrt“ gegeben. Jetzt brachte das Städtetheater Tübingen-Reutlingen ein letztes, 1941 geschriebenes Stück, die Detektiv-Komödie Herr und Frau North zur deutschen Erstaufführung.

In der Wohnung von Herrn und Frau North ist während beider Abwesenheit ein Mann ermordet worden. Die Leiche fällt ihnen ganz einfach aus dem Barschrank entgegen, als sie sich was zum Trinken holen wollen, zu ihrem und des Publikums Schrecken. Da der Tote von allen Bekannten des Hauses North zugestandenermaßen gehaßt und verachtet wurde, ergeben sich für die geplagte Polizei natürlich mehr als genug Verdachtsmomente und Spuren. Davis hat daraus mit sehr handfestem, unbekümmert zupackendem Humor eine szenisch ganz wirksame Sache gewacht, die robust ihren Spaß mit dem Kriminalreißer treibt. Derbe Gebrauchsware für den Unterhaltungsspielplan ist so entstanden. Josef Keim nahm das Stück richtig in übermütiger Ironie, hätte jedoch die Dialoge präziser bringen und die mit menschenfreundlichen Unwahrscheinlichkeiten sehr privat geführte Untersuchung straffen sollen. Am stärksten wirkte Lisa. Justin mit ihrem wirbelnden Spieltemperament in der Rolle von Frau North, der das Leben selbst in der heikelsten Situation stets zum Jux wird.

Hermann Dannecker