Heidelberg, im Mai

Mit dem Schauspiel Das Würfelspiel stellten die Städtischen Bühnen Heidelberg den Studiosen der Medizin und Psychologie Wolfgang D. Braunschweig als Autor vor. Einige Satanische Satzbrocken klären gleich zu Beginn auf, daß es sich hier um eine exklusive Gesellschaft handelt – wenn auch leider um keine „Geschlossene Gesellschaft“, verblüffend die antithetischen Parallelen bisweilen auch sind. Der Scholar der Heidelberger Alma Mater hat mit seinem Stück nämlich eine Art „Anti-Sartre“ schreiben wollen; daß ihm das logische Denkvermögen, die Überzeuguneskraft, das dramaturgische Rüstzeug und noch einiges mehr dazu fehlten, konnte seinen jugendlichen Eifer keineswegs herabmindern.

Drei Kumpels sind bei einem Bergwerksunglück in einem Schacht eingeschlossen. Die Kumpels sind aber gar keine Kumpels, sondern, um das „akademische“ Niveau der folgenden Diskussio-’ nen zu wahren, ein Arzt, ein Priester und eine Schriftstellerin. Diese drei also sind angesichts des Todes zusammengepfercht und erzählen sich nacheinander ihre Leidensgeschichte. Dazwischen erscheint mitunter der Tod auf einem Felszacken, von bläulichem Licht angestrahlt, hält sich an einem Seil fest und muß ein schauerliches Deutsch von sich geben: „Jedoch will ich dir sagen, was mir Erfahrung lehrte“, heißt es einmal. Und die Erfahrung,die der „Dichter“ (so nennt ihn jedenfalls eine von der Intendanz herausgegebene Pressemitteilung) in seinem siebenundzwanzigjährigen Leben gesammelt hat, gipfelt in dem etwas peinliche Erinnerung wachrufenden Schlagwort „Einer für alle“.

Aus den Reihen der jungen Männer des Jahrgangs 1923, die durch das Erleben des Krieges gingen, sind schon in ihrer Desillusionierung und Verlorenheit erschütternde Werke gekommen: in Amerika etwa „Die Nackten und die Toten“ von Norman Mailer, oder in Deutschland jene nächtlichen Schimären einer wurzellos gewordenen Jugend, wie Georg Hensels „Nachtfahrt“ sie beschwor, Braunschweig scheint dem anderen Typ dieses Jahrgangs zuzugehören: dem einer wirklich „verlorenen“ Generation, die eine Halbbildung aus angelesenen und angelernten Phrasen als einziges geistiges Rüstzeug aus dem Kriege heimgebracht hat. Ulrich Seelmann-Eggebert