Der Satiriker Lessadowski hat es kurz vor Beginn der letzten „Reinigungsaktion“ vorgezogen, die Sowjetunion „geräuschlos wegen zu scharfer Winde“ in Richtung Südamerika zu verlassen. Die beißende Ironie dieser kleinen Skizze genügt zur Begründung dieses radikalen Klimawechsels.

Der Bürger, den mir mein Freund, der Redakteur, telefonisch als melkbares Onkekhen empfohlen hatte, schlich dröhnend ins Zimmer, entschuldigte sich, kratzte leichthin den Hinterkopf, meinte, daß ich’s hier sehr schön habe und bat nochmals um Verzeihung. Ich verzieh, bat ebenso höflich um Entschuldigung – Kultur bleibt Kultur – und stellte eine flüchtige Diagnose: Breite rotblonde Reihenpflanze, vierzig Jahre, vorläufig noch ohne eigene Manieren. Blick nach außen gerichtet, hat innen nichts zu suchen und zu finden. Schwitzt also beim Denken. Nach der üblichen Übergangsfrage über die Höhe meiner Miete und meiner psychologisch ausgerichteten Antwort, daß die Honorare sie einbringen müßten – kleiner eleganter Seufzer –, kamen wir zur Sache:

Da würde also am Freitagabend die agrotechnobiologische Tagung der Irrigationsarbeiterbrigadeführer der südöstlichen Steppenwaldgebiete beginnen. Und nun hat sich das Präsidium gedacht, daß es doch sehr schön wäre, wenn, anschließend an die Eröffnungsrede, so ein literarisch-wissenschaftlicher Vortrag die hohe kulturelle Linie der Tagung nach den modernsten fortschrittlichen, und nur in der Sowjetunion erreichbaren, Prinzipien ausrichten würde. Das Journal „Für den Progreß – gegen jede Abweichung“ habe mich warm empfohlen und nun also, sozusagen... Er schwitzte ein bißchen, ich dankte ein bißchen; er murmelte „zweihundert“, und ich wiederholte die Zahl laut, aber nicht etwa überlaut. Weltmännisch. Abschiednehmend entschuldigten wir uns wieder, wie das so üblich ist, und ich machte mich gleich an die Arbeit.

Sie machte keine besonderen Schwierigkeiten, da ich im Besitze einer Enzyklopädie (neuere vervollständigte und verbesserte Ausgabe 1896) und der Geschichte der Partei bin. Und so zeichnete ich den südöstlichen Irrigatoren ein eindrucksvolles Bild von der dringend notwendigen Irradiation ihrer großen, vom Volksvertrauen getragenen Aufgabe über jede, aber auch wirklich jede, böswillige Irruption der unverbesserlichen und unsozialistischen Irritabilität reaktionärer Prägung. Erwähnte auch die für den allgemeinen Aufbau so wertvolle Irritation, die in ihrer Tätigkeit liege, beschwor meine Hörer, jeglicher Irrision seitens der Klassenfeinde zu trotzen – hier wollte ich wutentbrannt beide Fäuste gegen alle entmenschten Aggressoren schütteln – und schloß mit einem überzeugenden Hinweis auf den irreformablen Glanz unserer Zukunft. Damit war der „Ir“-Bestand meiner Enzyklopädie erschöpft. Den Kitt und das Großartige, sozusagen, das Schöpferische der Auffassung, lieferte anstandslos die Geschichte der Partei.

Die epochale These vom Kollektivismus der Ereignisse bewahrheitete sich wieder einmal: Ich hatte die Freude, einen schwärzlichen, etwas kurzen Lautsprecher zu empfangen, der die Aufgabe hatte, die wissenschaftliche Forschungs- und Prüfungskonferenz der nordwestlichen Rationalisierungsnovatoren – Beginn Sonnabendabend – würdig auszurichten. Auch zweihundert.

Selbstverständlich gab es auch bei dieser Produktion keinen Leerlauf, keinen Brack und nur vorzügliche Qualität: Ich konnte den Rationalisierungsnovatoren in federnden Ausführungen nur wärmstens empfehlen, sich ratierlich am allgemeinen Aufschwung, womöglich noch mehr als bisher, zu beteiligen und ihre Gemeinschaft, von aller Spreu zu rättern. Gern verweilte ich auch beim ideologischen Rätikon, das alle Links- und besonders Rechtsabweichungen so deutlich erkennen – Fäusteschütteln gegen Aggressoren! – und um so sicherer das Gradlinige ratihabieren lasse. Die zuerst geplante Entlarvung der kapitalistischen Verseuchung der Rätoromanen unterließ ich, obgleich es mir verdammt schwer fiel. Aus Taktgefühl – vielleicht sind sie gar nicht so.

Beide Vorträge wurden mit großem Beifall aufgenommen und in den Berichten des Journals „Für den Progreß – gegen jede Abweichung“ lobend erwähnt. Die schöpferische Initiative des Geistesarbeiters sowjetischer Prägung wäre unverkennbar gewesen und habe Beachtung gefunden. Ferner war ich einstimmig zum Ehrenmitglied beider Tagungen ernannt worden.