Der Berliner Witz war schon zu Friedrich II. Zeiten von großer Bedeutung für Deutschland, und macht eine Hauptepoche in der deutschen Literatur aus. Wie er sich überhaupt noch heute auf alles Unklare und Unpraktische richtet, so wendete er sich damals gegen die Schwebelei und Nebelei, welche auf den verflogenen Genierausch folgte. Zu allen Zeiten aber und noch heute enthält der Berliner Witz ein gewisses negierendes Element, in welchem sich zwar der Eingeborene mit Behagen bewegt, das aber den Fremden mit Unbehaglichkeit erfüllt. Dennoch gab der Berliner Witz stets der Gemeinheit des Volks einen versöhnenden geistigen Zusatz, von dem sich sogar der Gebildete nicht ungern berühren ließ, und den der Psychologe als Bürgschaft einer schnellen Bildungsfähigkeit erkennt. Dieser kecke und rege Witz erfaßt jede Erscheinung mit Interesse und Eifer, ohne sich von ihr imponieren zu lassen. Als die beiden Rossebändiger, ein Geschenk vom Kaiser Nikolaus, am Eingange des Schlosses aufgestellt wurden, bezeichnete der Volkswitz dieselben sogleich als „gehemmter Fortschritt“ und „beschleunigter Rückschritt“. Das kecke und schnelle Urteilen und das witzige Abfertigen jeder unangenehmen und peinlichen Berührung verleiht unter allen Deutschen dem Berliner allein eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Pariser, nur mit dem Unterschiede, daß beim Berliner der üble Eindruck der vorlauten Keckheit durch eine gründliche Gutmütigkeit gemildert wird.

Aus: Berlin. Ein Führer durch die Stadt 1861.