Wer es nicht erlebt hat, hält es nicht für möglich, und wer es erlebt, kann es nicht mehr ändern. Mit diesen wenigen Worten könnte man das anscheinend unlösbare Problem kennzeichnen, wie die Demokratie gegen den herannahenden Angriff des Kommunismus oder eines anderen Totalitarismus verteidigt werden soll. Offenbar haben einige Amerikaner, nachdem sie sich lange genug darüber gewundert hatten, daß die Deutschen zwölf Jahre lang ihrer Diktatur so hilflos gegenüberstanden, diese Frage neulich bis zu einem gewissen Grad experimentell geklärt. So kam die kommunistenfeindliche Amerikanische Legion zu dem Versuch, durch einen drastisch durchgeführten Kommunisten-Putsch in einer kleinen Stadt der Bevölkerung vorzuführen, was ihr bevorstünde, wenn...

Am 1. Mai in früher Morgenstunde wurde das Städtchen Mosinee (Wisconsin), dessen 2200 Einwohner hauptsächlich in der Papierindustrie beschäftigt sind, von bewaffneten „kommunistischen“ Abteilungen besetzt, der Bürgermeister und der Polizeichef verhaftet. Alsbald hielten Bewaffnete mit Armbinden auf den Straßen die Passanten an, die sich legitimieren mußten. Um 10.30 Uhr war eine volle Kapitulation erreicht, nachdem der verhaftete Bürgermeister Kronenwetter, den man im Schlafanzug aus seiner Wohnung geschleppt hatte, auf dem neubenannten „Roten Platz“, einen Pistolenlauf im Genick, eine Rede verlesen hatte: „Gott hat es so gewollt, und vielleicht ist es so am besten ... Die Bevölkerung soll sich in die fertigen Tatsachen fügen, damit Blutvergießen vermieden wird.“ – Der Polizeichef, der kurz vorher sich geweigert hatte, seine Polizeigewalt zu übertragen, war „liquidiert“ worden.

Inzwischen setzte sich die neue Ordnung schnell durch. Ein Konzentrationslager wurde eingerichtet und alsbald mit Menschen gefüllt. Die Preise stiegen von Stunde zu Stunde, z. B. ein Herrenanzug von 40 auf 250 Dollar, ein Pfund Kaffee auf 4 Dollar (wozu man offenbar kein bolschewistisches Regime braucht, denn 4 Dollar gleich 16 Mark zahlt man in Deutschland für ein Pfund Kaffee auch ohne Verhaftung von Bürgermeister und Polizeichef). In den Gasthäusern wurden Lebensmittelmarken verlangt, obwohl es nur Suppe und Brot gab. Eine Kirche wurde während des Gottesdienstes beschlagnahmt, Nonnen und Priester wurden ins KZ eingeliefert. Rote Fahnen und Spruchbänder, die von der Souveränität des Staates über das Individuum und von den Vereinigten Sowjetrepubliken von Amerika sprachen, wurden angebracht,

Die ganze amerikanische Presse nahm sich der Sache wärmstens an, sicher hat Mosinee in seiner ganzen Geschichte nicht soviel Publizität gehabt wie an diesem Tage. Die New Yorker Zeitungen brachten spaltenlange Berichte und Bilder, auf denen man den verhafteten Bürgermeister im Nachtgewande und die Hälfte der Bevölkerung von Mosinee hinter Stacheldraht sehen konnte. Außerdem durchdrangen die Journalisten durch Fernsprecher den „Eisernen Vorhang“, der sich um das Städtchen geschlossen hatte. Der „New Yorker Times“ zum Beispiel sagte der „Sprecher des Volkskommissars am Nachmittag in eine, Telefon-Interview, das „die Produktion bereits um 50 v. H. gestiegen sei und „nur friedlichen Zwecken diene“. Über die Stärke der Polizeikräfte wollte er keine Auskunft geben, versicherte aber, daß sie ausreichend sei, die Ordnung aufrechtzuerhalten und „eine Aggression von außen abzuwehren“. Eine Blockade der Verkehrswege, erklärte er ferner auf eine Frage des New Yorker Journalisten, bestehe nicht, doch sei es notwendig, den Schnellzug, der sonst ohne anzuhalten Mosinee am Nachmittag passiert, zum Stehen zu bringen und nach amerikanischen Agenten zu durchsuchen. Er teilte außerdem mit, daß es bei der Machtübernahme keine Ordnungsstörungen gegeben habe, und daß auch diejenigen, „die in gewissen Lagern festgehalten würden“, bestätigten, die Behörden seien „gerecht und korrekt.“

„Können Sie sagen, daß Ihre Auskünfte vom Kommissar gebilligt sind“, fragte der Journalist den Sprecher.

„Absolut!“

„Wo befindet sich der Kommissar?“