Abwege der Selbstkontrolle

An zwei Abenden je fünfhundert Gäste zu der Aufführung eines für heikel gehaltenen Stückes zu bitten und jedesmal nachher eine Abstimmung unter ihnen zu veranstalten, ob sie eine öffentliche Aufführung für erwünscht halten – das ist ein üblich gewordenes, aber doch recht fragwürdiges Verfahren. Vorzensur bleibt auch dann Vorzensur, wenn sie von tausend ehrenamtlichen Theaterbesuchern ausgeübt wird, und die Bevormundung in Dingen der Kunst bleibt auch bei solcher demokratischen Verdünnung, was sie ist: ein Rest oder ein Vorgeschmack totalitärer Kulturlenkung. Im Fall von Jean-Paul Sartres Stück Tote ohne Begräbnis, das in Hamburg (von der Studiobühne „Die Brücke“) nach einer redlich bemühten, aber zu angestrengt dampfenden Darbietung durch junge Schauspieler einer derartigen Prozedur unterworfen wurde, boten wohl die nervenpeitschende Folterszene und überhaupt der unbarmherzige, schnöde Verismus Veranlassung, mit dem Sartre das Thema der Standhaftigkeit im totalen Bürgerkrieg anpackt. „Ihr habt mir nicht vorher gesagt, was einem alles bevorsteht!“ rügt der fünfzehnjährige Maquisard seine älteren Kampfgefährten. Sie haben es aber selber nicht bedacht, was ihnen die Folter zumuten wird – und noch weniger, daß es nötig sein könnte, einen Kameraden (eben jenen Jungen) zu erwürgen, damit er beim Verhör nicht nachgibt. Das Gewissen der Widerständler ist am Ende nicht besser als das der Folterknechte von der Vichy-Miliz, und so werden Sartres vier Akte eine schreckhaft brüske Warnung vor jedem politischen Aktivismus, der auf die Vernichtung des Gegners abzielt. Schocks können ebensowohl teilen wie krank machen. Aber ist nicht jede magische Wirkung eine Schockwirkung? cel.