Madrid, im Mai

In Madrid hat ebenso spät wie diesmal auf deutschen Breiten der Frühling begonnen. Blühende Kastanien zwischen Oliven, Steineichen und Pinien. Madrid liegt 700 Meter hoch, das ist die Erklärung. Etwas weiter unten aber ist der Weizen schon reif, und die ersten Hocken stehen auf den Feldern ... Madrid ist auch in anderer Hinsicht eine „späte Stadt“. Die Nacht wird hier zum Tag gemacht. Franco soll einmal vor Jahren ebenso energisch wie vergeblich versucht haben, diese Gewohnheit zu ändern: es wurde angeordnet, daß kein Restaurant nach acht Uhr abends warme Speisen verabfolgen dürfe; aber Verordnungen fruchten in Spanien nicht viel. Und Befehle haben mit Sicherheit nur die eine Folge, daß sie zur Opposition anreizen und bestenfalls listig umgangen werden. Es ist der Individualismus und der ausgesprochene Freiheitsdrang des Spaniers, die dem autoritären System Francos eine ganz besondere Prägung gegeben haben. Ja, wenn man nichts von der Verfassung dieses Landes wüßte, würde man als Tourist den Eindruck haben, in einem durchaus liberalen Lande zu sein. Es gibt keine Versammlungen, keine Aufmärsche, keine Jugendzwangsorganisationen. Ich habe noch keine einzige Parteiuniform bemerkt. Und das Abzeichen der Falange war nur am Gebäude der Partei in Madrid zu sehen...

Der Werkmeister einer großen Garage, in der wir tankten und bei dem wir uns über das schlechte Benzin beklagten, sagte völlig unbefangen: „Wie können Sie von einer solchen Regierung guten Brennstoff erwarten?“ und seine Belegschaft stand dabei und feixte. Mag sein, daß man als Außenstehender die eigentlichen Zusammenhänge nicht gleich erkennt. Doch sollten wir als „regimeerfahrene“ Deutsche nicht besonders empfindlich sein gegenüber den atmosphärischen Ausstrahlungen des Totalitären? Und sollte nicht schon eine normale Antenne genügen, sie zu registrieren? Hier sind sie ohne weiteres nicht wahrnehmbar, und jeder Vergleich mit dem Hitler-System geht daneben.

Der Direktor des politischen Institutes, der einen außerordentlich klugen und geistig hochqualifizierten Eindruck machte und der in dem großen strengen Raum, in dem er amtiert, ganz feierlich wirkte, betonte, daß Spanien überhaupt kein totalitärer Staat sei. Das kann im Ernstfall wohl auch niemand behaupten, denn der Anspruch des spanischen Staates an den einzelnen, an den Bürger Spaniens, ist denkbar gering und keineswegs total. Wenn der Direktor des politischen Institutes dann allerdings als Beweis anführte, daß die Jugenderziehung nicht, wie dies in totalitär regierten Ländern der Fall ist, vom Staat monopolisiert wird, sondern vollkommen privat der Kirche überlassen sei, so sagt dies nur, daß Spanien zwar kein totalitärer Staat, aber doch ein autoritär regiertes Land ist. Autoritär regiert nicht nur Franco, sondern auch die Kirche. Beide stehen gewissermaßen in einem Funktionalzusammenhang und sind nur als Einheit lebensfähig. Ohne Franco würde, die Kirche von der liberalen Sehnsucht der Intelligenz allmählich um ihren Einfluß gebracht, und Franco wiederum würde ohne die Kirche keine tragfähige Basis für sein Regime haben. Warum dies so ist, bleibt nicht nur dem Außenstehenden ein Rätsel, sondern ist offenbar auch für viele Eingeweihte unverständlich – mindestens führte einer der Granden des Landes, der zur monarchistischen Bewegung gehört, in einem Gespräch über diese Zusammenhänge bewegte Klage darüber, daß der Vatikan stets die Republik und nicht die Monarchisten unterstütze, während er zuvor nicht mit Franco, sondern mit den Roten sympathisiert habe...

Wahrscheinlich hängt dies im letzten Grunde damit zusammen, daß Rom seit langem die Bedeutung der sozialen Frage für unsere Epoche erkannt hat und die alten feudalistischen Schichten nicht an der Macht wünscht. Ob und wieweit allerdings das Franco-Regime zur Lösung der sozialen Frage beigetragen hat, ist deshalb schwer zu beurteilen, weil die wirtschaftliche Lage – gewissermaßen force majeure – sehr schlecht ist. Der Bürgerkrieg, der bei einer Bevölkerung von damals 24 Millionen Menschen zwei Millionen, also beinah zehn v. H., Verluste brachte, ferner die Notwendigkeit, ohne jede Reserve an die Reorganisation des Landes zu gehen, weil die Roten den Goldschatz entführt hatten, und schließlich die Tatsache, daß Spanien als einziges der notleidenden Völker Europas an der Marshall-Hilfe keinen Teil hat – all diese Umstände haben natürlich eine katastrophale Situation geschaffen. Immerhin gibt es eine Reihe wirksamer sozialer Schutzbestimmungen, so ist es beispielsweise unmöglich, einen Arbeiter zu entlassen. Allerdings sind die Löhne so niedrig, daß man sich wirklich nicht vorzustellen vermag, wie eine Familie davon leben kann.

Schlecht gestellt sind übrigens auch sämtliche geistige Berufe und merkwürdigerweise auch die Angehörigen der Armee, die doch als zweite Stütze des Regimes gilt. Es ist für niemanden möglich, von seinem Gehalt sorgenfrei zu leben, und infolgedessen hat sich ein merkwürdiges System von Mehrfach-Berufen herausgebildet. Jeder Mensch hat im Durchschnitt drei verschiedene Tätigkeiten. Ein Hauptmann, mit dem ich sprach, arbeitet beispielsweise am Vormittag drei Stunden in der Kriegsakademie, nachmittags in einem technischen Büro und dreimal in der Woche als Berater in einer großen Maschinenfabrik. Und so tun es alle. Die Beamten der Verwaltung arbeiten nachmittags an wissenschaftlichen Instituten, und die Wissenschaftler haben sich irgendwo in Verwaltung oder Wirtschaft eine zusätzliche Beschäftigung organisiert. Infolge dieses chassez-croissez-System ist niemand für irgendeine Tätigkeit voll verantwortlich, und niemand leistet an irgendeiner Stelle das Notwendige. Auf die naheliegende Frage, warum man es nicht so einrichten könne, daß jeder mit der gleichen Anzahl Arbeitsstunden wie bisher die gleiche Summe wie bisher, aber an einer Stelle, verdiene, kam die entsetzte Antwort: „Ja, wenn Sie hier nach deutschen Prinzipien Ordnung hereinbringen wollen, dann klappt überhaupt nichts mehr!“ Und in der Tat scheint die Kunst der Improvisation eines der Geheimnisse der spanischen Wirtschaft zu sein, die – theoretisch und auf dem Papier – längst zusammengebrochen: sein müßte. Übrigens sind die hohen Regierungsstellen im Verhältnis genau so schlecht dotiert. Ein Ministerposten ist nicht deshalb erstrebenswert, weil er große Einkünfte brächte, sondern deshalb, weil er gewissermaßen automatisch gekoppelt ist mit anderen einträglichen Posten: Aufsichtsrat in einer Bank, Berater bei einem großen industriellen Unternehmen oder dergleichen, Auf diese Weise schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Der Etat des Staates wird nicht übermäßig belastet, und die Privatwirtschaft wird an den entscheidenden Stellen mit dem Interesse der Regierung und ihrer Funktionäre gleichgeschaltet.

In Spanien wird „man“ auch nicht Minister, weil man „Parteimitglied“ ist – im heutigen Kabinett gibt es nur zwei Minister, die der Falange angehören –, aber natürlich gibt es so eine Art clan der alten Kämpfer, die vorwiegend aus der Armee stammen, in der Franco ja auch zu Hause ist. Denn General Franco ist im Gegensatz zu Hitler, zu dem anderswo in Europa fälschlicherweise immer wieder Parallelen gezogen werden, ein wirklicher und vielfach erprobter Fachmann auf militärischem Gebiet. Ganz zu schweigen von seinem politischen flair und der Kunst, warten zu können. Diese Qualitäten hat er nicht nur in der Situation seit 1945 bewiesen, sondern schon während des Krieges. Und dennoch ist Franco fraglos – und das ist nur aus dem spezifischen Charakter der Spanier erklärlich – bei seinem Volke wirklich populär erst durch die Opposition und den Boykott der übrigen Welt geworden. Auch der Versuch des Königs, sich 1945 bei den Alliierten dadurch beliebt zu machen, daß er Franco als Kollaborateur von Hitler und Mussolini abzustempeln suchte, hat lediglich dazu geführt, daß die Mehrzahl des Volkes sich hinter Franco stellte. Und das ist eine typisch spanische Reaktion: Mir haben verschiedene Deutsche erzählt, daß Spanier, die aus Animosität gegen Hitler während des Naziregimes nie mit ihnen verkehrt hätten, nach dem Zusammenbruch gekommen seien und ihre Hilfe angetragen hätten. Bei dieser Mentalität hat natürlich der Bericht des Bremer Senators über die deutschen Internierten in Nanclares de la Oca, der nach Aussage aller hiesigen Deutschen eine grobe Entstellung war, für das Ansehen des neuen Deutschlands sehr abträglich gewirkt.