Die Ergebnisse der Gemeinderatswahlen im

sowjetisch besetzten Niederösterreich haben bestätigt, was seit den Parlamentswahlen im vergangenen Herbst offensichtlich war: daß die Kommunisten in der österreichischen Wählerschaft keinen Halt gewinnen können. Die Wähler haben sick von den sowjetischen Polizeikünsten keineswegs einschüchtern lassen. Sie gaben 52 Prozent der rund 750 000 Stimmen der katholischen Vokspartei, 40 Prozent den Sozialisten und nur 5 Prozent den Kommunisten, die in keiner einzigen Gemeinde die Mehrheit erlangten und somit die Bürgermeisterposten verlieren werden, die ihnen die Sowjets bei Beginn der Okkupation zugeschoben hatten. Österreich hat sich abermals als ein Bollwerk gegen den Kommunismus erwiesen. Unglücklicherweise ist die Hälfte des Bollwerks von Feind besetzt, der offenbar fest entschlossen ist, von dieser Position jeden Gebrauch zu machen. Nur so läßt sich erklären, daß sieben Jahre nach der Moskauer Konferenz und fünf Jahre nach Kriegsende die von den Besatzungsmächten feierlich zugesagte Wiederherstellung der österreichische Unabhängigkeit nicht durchgeführt, der Staatsvertrag nicht abgeschlossen ist. In keinem anderen Fall wären die Vorwände, welche die Sowjetregierung zur Verhinderung einer friedlichen Regelung und zur Beschönigung des Bruchs feierlicher Zusicherungen vorgebracht hat, so fadenscheinig. Offenbar unterschätzt man in Moskau die moralische Bedeutung der österreichischen Frage. Sonst würde man sich klarmachen, daß auf die Dauer kein militärischer, wirtschaftlicher oder sonstiger Gewinn so groß sein kann wie der Verlust, den das Sowjetprestige zum Schluß in Österreich erleiden muß. Denn an der österreichischen Frage erhitzen und entwickeln sich allmählich die Energien des Westens, mit denen sich die Moskauer Politik auseinanderzusetzen hat. Oder glaubt Wyschinski nicht mehr daran, daß die Geschichte dialektisch verläuft? H. A.