Auf Säulen ruht sein Dach“ – auf den Säulen der einstigen Singakademie im Kastanienwäldchen Unter den Linden. Das ist das Haus der Sowjetkultur. Repräsentation wird bei den Russen sehr groß geschrieben. Und als erste der vier Besatzungsmächte hatten sie ein zentrales repräsentatives Kulturzentrum in die besetzte Stadt gestellt, während die anderen Drei sich noch mit Bibliotheken kleinen Umfanges begnügten.

In dicken roten Teppichen versinkt der Fuß. Gesellschaftsräume kann der Besucher durchschreiten – Gesellschaftsräume mit Proben russischer Malkunst an den Wänden. Sehr akademisch wirkende Gemälde in einem Stil, der sich an die Zeit vor dem ersten Weltkriege anlehnt. Ein sehr reizender Theaterraum, dem intimen Kammerspiel besonders zugeneigt. Ein Filmtheater, nicht weniger repräsentativ. Eine Bibliothek, deren Lesesaal vor allem dem modernen Rußland seit der Oktober-Revolution gewidmet ist. Proben sowjetischer Filmkunst sind offenbar nicht sehr begehrt in Berlin, obgleich sie – ebenso wie entsprechende Vorstellungen in den anderen Kulturhäusern – ohne Eintrittsgeld gezeigt werden. Naturfilme bilden das Hauptprogramm, und ihr Ausklang, wenn sie den Wandel im russischen Landschaftsbild zeigen, ist fast stets ein Preis Stalins und seiner Leistungen für die Kultur der Menschheit.

Aber die Aufgabe des Hauses der Sowjetkultur ist damit nicht erschöpft. Politische Vorträge spielen eine Hauptrolle: „Technische und Finanzplanung in der Bauindustrie der SU“ oder „Grundlage des sowjetischen Staatsrechts“. Diskussion ist zugelassen, und trotz des gesiebten Publikums tauchen manchmal peinliche Fragen auf, die die russischen Redner übergehen. Die großen Tage des Hauses sind die Tage der politischen Repräsentation – hier geben die Sowjetbeiherden ihre Empfänge. Dann sind das Haus und seine Zufahrten streng abgeriegelt durch die Sperrketten der „Volkspolizei“ und der sowjetischen Militärpolizei. Das wirkt wie ein Symbol. Dem im ganzen bleibt trotz weicher Teppiche, trotz Draperien und Vorhänge die Atmosphäre dieses Hauses doch immer recht gespannt. Am Nollendorfplatz mitten in einer Trümmerlandschaft, aus der sich schräg gegenüber nur der Bau der „Neuen Skala“ erhebt, steht das „Amerika-Haus“. Es ist wohl das schlichteste unter den vier Kulturhäusern. Ein dreistöckiges Stiegenhaus – nur durch einen Seiteneingang zu erreichen –, in dem jeder ein- und ausgehen und in jedes Zimmer eindringen kann (nur daß die Bibliotheksbesucher unten ihre Garderobe abgeben – ist Gesetz). Recht lebhaft wird von dieser Möglichkeit formlosen Eindringens Gebrauch gemacht. Es scheint, daß die Zahl der Stammgäste recht groß ist – für Film-Vorführungen wie für die Bibliothek; denn täglich rollt im Erdgeschoß – und immer vor überfülltem Saal – eine Wochenschau ab.

Da die Propaganda darin kaum zu Worte kommt, ist es eine besondere eindringliche Propaganda. Zwei Stockwerke höher, im Vortragssaal, bemüht man sich, alles, was nach Propaganda riechen könnte, ins Allgemeine und ins Geistige zu übersetzen. Diskussionen über Berlin oder Schweden oder Japan oder die Schweizer Demokratie überwiegen der Menge nach bei weitem die amerikanischen Themen. Zwischen Film-Vorführungen im Erdgeschoß und Vortragssaal im Obergeschoß breitet sich die Bibliothek aus. Mit Verleih und Lesesälen. Alles geht genau so formlos zu wie am Eingang. In dem ganzen Haus mit seiner etwas nüchternen Sachlichkeit riecht es fast nach Arbeit, jedenfalls nicht nach einem Drang zu imposanter Repräsentation.

Fünf Jahre nach. Besatzungsbeginn haben die Franzosen endlich ihr zentrales Kulturhaus, das Maison de France, mitten in die Stadt gesetzt. Gerade eben ist es fertig geworden, nachdem man in anderthalb Jahren 2 1/2 Millionen Mark darauf verwandte, zwei zusammenhängende Gebäude in einen mächtigen einheitlichen Eckbau zu verwandeln – dort wo das Stadtleben am bewegtesten ist: an der Uhlandstraßenecke des Kurfürstendamms.

Den Franzosen war das repräsentative Auftreten schwer gemacht. Ihr Besatzungssektor im äußersten Norden Berlins reichte mit einem schmalen Ausläufer gerade noch in den nördlichsten Teil der Stadt, in das Arbeiterviertel jenseits des Stettiner Bahnhofs. Trotzdem waren die Franzosen von Anfang an auf kulturellem Gebiet sehr aktiv. In den ersten Tagen gewährten ihnen die Russen Gastfreundschaft; im ehemaligen Schloß konnten sie moderne französische Malerei zeigen. Vor allem aber packten sie trotz mancher Vorbehalte gegen französische Besatzungspolitik die Berliner mit ihren Filmen; denn sie brachten die besten ihrer Filme, während die Filmgesellschaften der anderen Mächte nur jene Produkte zeigten, mit denen man (besonders vor der Währungsreform) doch nirgendwo sonst große Geldgewinne erzielen konnte.

Im britischen Sektor haben sie sich nun den Platz für ein weithin sichtbares Zentrum ihres Kultureinflusses geschaffen. Privates Kapital und private Unternehmer sind dabei stark eingeschaltet – auch deutsche. In Schau-Vitrinen werden französische Firmen ihre Erzeugnisse zeigen, in den Schaufenstern wird man französische Autos sehen. Büros der Firmen werden die Obergeschosse beherbergen. Ganz oben wird ein französisches Restaurant seine Pforten öffnen. Ein deutsches Reisebüro wird sich ins Erdgeschoß setzen. Ein deutscher Pächter hat das Kino übernommen. Noch ist alles nicht ganz fertig. Aber schon weiß man: Das Filmtheater und französische Modeausstellungen werden die Hauptanziehungskraft ausüben.