E. G., London Mitte Mai

Die deutsche und die britische Wirtschaft werden sich mehr und mehr im Wettbewerb begegnen; die britische Seite erkennt dies bereits dadurch an, daß sie nicht mehr recht böse Drohungen gegen angebliches deutsches Dumping ausstößt, sondern die deutsche Konkurrenz als das nimmt, was jede Konkurrenz sein muß; als einen Ansporn für eigene Leistung.

Doch deutsche und britische Wirtschaft haben einen gemeinsamen Konkurrenten, die Industrie der USA. Hier wird zwar der Ansporn zur eigenen Leistungssteigerung noch durch zwei Stoßdämpfer aufgefangen: die hohen Stunden- und Stücklöhne der amerikanischen Arbeiter – und die Dollarknappheit vieler potentieller Interessenten an amerikanischen Waren. Doch vorübergehender „Schutz“ dieser Art ist keine Lebensversicherung für die Industrie. Es ist daher gut, daß die Amerikaner, als Teil der Marshall-Hilfe, Europa Einblick in ihre Werkstätten gewähren (und die Dollar dafür stiften) und daß jetzt auch deutsche Industrielle diese Studiengelegenheit nutzen. Dank der engeren Verbindungen haben ihre britischen Konkurrenten hier einen Vorsprung zu buchen. Ein Dutzend industrieller Studiengruppen haben bereits die USA besucht. Sie sind sämtlich begeistert zurückgekehrt: die Aufnahme, die fachmännischen Anregungen und vor allem die Vitalität, mit der Geschäftsführung und Belegschaft am gleichen Tauende ziehen, hat es ihnen in jedem Falle angetan. Die Leiter dieser Studiengruppen haben sich, zur Ermunterung anderer Wirtschaftszweige, in einem Brief an die „Times“ zu diesem ernsten Wort veranlaßt gefühlt: „Als Manager, Techniker oder Arbeiter haben wir (in den USA) einer Begeisterung gegenübergestanden bei der Anwendung von Kenntnissen, bei der Einstellung zur Produktivität und in der neuen Lebensweise, die eine Herausforderung an die gesamte übrige Welt darstellen. Ansporn dieser Art erhöht den Wert technischen Wissens auf ein Vielfaches des offenkundigen Wertes.“

Diese fast lyrische Hymne nüchterner britischer Manager, Techniker und Arbeiter sollte zu denken geben. Es ist noch kaum zwei Jahre her, als Anthony Eden im Unterhaus auf die Ankündigung dieser Produktivitätsstudien ammarisch-überlegen erklärte, daß britische Fachleute doch wohl kaum etwas von den Amerikanern zu lernen finden würden! Was haben nun die begeisterten britischen Reisenden gelernt? Bisher liegen fünf Berichte vor: über Stahlgießereien, Kunstseidefabriken, Baumwollspinnereien, industrielle Schmieden und über Standardisierung allgemein. Dazu ein Auszug aus dem kommenden Bericht über die Bauwirtschaft. Ein Studium dieser Berichte ergibt – neben einer Fülle von interessanten Einzelheiten – diese gemeinsamen Züge: Die Leistung je Mann und Stunde ist in den USA ganz erheblich höher als in England.

Die Baumwollspinner sprechen von mindestens 50 v. H., die Eisengießer von 50–90 v. H., die Baufachleute von „durchschnittlich“ 50 v. H. Mehrleistung bei vergleichbaren Bauarbeiten, während die amerikanischen Schmieden je Stunde bis zur vierfachen Produktion britischer Schmieden erzielen. Eine der Ursachen liegt im größeren Maschinen- und Energieeinsatz, der höheren Kapitaleinsatz voraussetzt. Doch Standardisierung und Vereinfachung von Arbeitsgängen (wie von Endprodukten) scheinen, vor allem bei Guß- und Schmiedestücken, die höheren Kapitalkosten mehr als wettzumachen. Der wichtigere Faktor hinter der amerikanischen Mehrleistung liegt jedoch offensichtlich in der Einstellung des amerikanischen Arbeitnehmers zu seinem „job“. Seine Arbeitsstunde hat tatsächlich 60 Minuten; all die vielen kleinen Unterbrechungen für eine Tasse Tee hier, einen kleinen Schnack da, fürs Umziehen am Morgen und fürs Waschen am Abend sind in den USA auf das wirklich notwendige Minimum gedrückt. In England schlucken sie – nach vorsichtigen Schätzungen britischer Industrieller – mit Leichtigkeit 30 bis 45 Minuten täglich; in manchen Fällen ist man in England geneigt, eine volle Stunde „Verlust“ je Arbeitstag einzukalkulieren.

In der verbleibenden „Netto“-Arbeitszeit ist ebenfalls mit manchen „Hemmungen“ zu rechnen. Sie sind allen Beteiligten bekannt, wenn auch die Beispiele sich gern der öffentlichen Festnagelung entziehen. Im Baugewerbe „soll“ häufig die Zahl der in der Stunde gelegten Ziegel einer „inoffiziellen“ Höchstgrenze unterliegen. In einem nordenglischen Eisenwerk hatte vor Jahresfrist ein Arbeiter mysteriöse Schwierigkeiten, seine Stellung zu halten, weil er „zu schnell“ arbeitete. Im Londoner Hafen scheiterten vor einiger Zeit moderne Löschanlagen für Zucker an einem auffällig verlangsamten Arbeitstempo. Der Einzelbeispiele gibt es viele und die Fachleute auf der Arbeitgeber- wie auf der Arbeitnehmerseite sind sich einig darüber, daß diese „restrictive practices“ eine – sehr kostenverteuernde – Tatsache sind.

Doch der Zustand der Vollbeschäftigung macht es unmöglich, diesen Tatbestand „festzunageln“. Vor zwei Jahren begann der Beirat des Arbeitsministers die Untersuchung dieses Problems; vor einem Jahre wurde ein besonderer Unterausschuß eingesetzt. Bis heute liegt keinerlei Bericht des Unterausschusses vor... Und eine unschuldige Anfrage beim britischen Arbeitgeberverband ließ den Fragesteller auf eine Eiswand stoßen, nie sie dicker nicht sein könnte, wenn er nach dem Einkommen eines Generaldirektors oder nach dem Alter eines weiblichen Filmstars gefragt bitte... Es scheint, als ob tatsächlich der Unterschied in der Arbeitsmentalität der stärkste Eindruck für alle bisher aus den USA zurückgekehrten britischen „Produktivitätsstudenten“ gewesen ist: drüben die Erkenntnis, daß hohe Löhne verdient werden müssen, hüben die Befürchtung, daß zu gute Leistung zur Arbeitslosigkeit führen konnte. Hier kommt man zu den schweren soziologischen und psychologischen Nachwirkungen eines vollen Jahrhunderts britischer Industrialisierung. Doch selbst wenn man nicht in der Lage sein wird, auf britischer Seite in dieser Nachwirkung anders als mit Geduld voranzukommen, so bleibt genügend Spielraum für die technischen Erfahrungen aus dem Produktivitätsstudium: von der besseren Anordnung der Maschinen und der Spezialisierung der Arbeitsgänge angefangen, bis zum echten Anreiz für den einzelnen Arbeiter – etwa in einem „unverdächtigen“ Akkordlohn und verbesserten Aufstiegsmöglichkeiten für den technisch begabten Arbeiter,