A.G. E. F., Sao Paolo, Anfang Mai

Allgemein gesehen hat die deutsche Delegation für ihre Verhandlungen in Rio ein günstiges Klima vorgefunden. Deutschland steht hier als Lieferant nach wie vor in hohem Ansehen, und man erwartet einfach, daß, die Qualität der deutschen Erzeugnisse von heute den früheren Ruf rechtfertigt. Und die Schwierigkeit der brasilianischen Wirtschaft, aus ihrem Handel mit dem Dollar- und dem Sterling-Block hinreichend Devisen zu erzielen, um ihren Bedarf an industriellen Erzeugnissen. befriedigen zu können, zwingt dazu, in weitem. Umfang Austauschmöglichkeiten mit . Deutschland zu suchen! Deutschland hat als Kunde vielleicht den vielseitigsten Bedarf unter allen, mit Brasilien Handel treibenden Nationen, so daß es Brasilien möglich sein wird, eine Vielfalt von Produkten abzusetzen; im Gegensatz zu dem Handel mit anderen Ländern, für den im allgemeinen nur wenige Produkte in Frage kommen. Das gilt insbesondere von den europäischen Ländern, die Kolonien besitzen, und von den USA, die infolge ihrer räumlichen Ausdehnung über verschiedene klimatische Zonen im Lande.selbst eine Reihe von den Kolonialprodukten erzeugen, die die brasilianische Wirtschaft ihrerseits abzusetzen wünscht. Und nicht zuletzt steht Deutschland in dem Ruf, in der Vergangenheit ein elastisches Geschäftsgebaren bewiesen zu haben, das sich den Wünschen des brasilianischen Kunden in weitem Maße anzupassen verstand.

Allerdings ist nicht zu verkennen, daß während des Krieges die Industrialisierung des Landes einen großen Aufschwung genommen hat. Dadurch sind bodenständige Industrien entstanden, die in der Lage sind, den nationalen Bedarf ganz oder zum großen Teil zu decken; so beispielsweise in der Elektroindustrie für Motoren und Transformatoren, die bis zu einer gewissen Größe in ausreichendem Umfang im Lande selbst hergestellt werden, in einer Qualität, die den internationalen Normen entspricht, oder die Textilindustrie: sie exportiert bereits eine Reihe von Massenartikeln. Es hat also eine Umschichtung des brasilianischen Marktes stattgefunden.

Bei der Art des Handels zwischen Deutschland und Brasilien (Deutschland als Lieferant. für industrielle Erzeugnisse, mit zum Teil längeren Lieferzeiten, Brasilien als Lieferant von Roh-Produkten mit rascher Lieferzeit) wird wohl anfangs eine größere Spitze zugunsten Brasiliens auftreten. Was dann? Nun, die Erfahrungen der Vorkriegszeit in dieser Beziehung haben der brasilianischen Regierung gezeigt, daß unter solchen Umständen die Zentralbank den brasilianischen Exporteuren den Exporterlös vorschießen muß, was für die Bank sehr erhebliche Zins Verluste bedeutet. Daher läßt sich voraussehen, daß die deutsche Mission auf erheblichen Widerstand stoßen wird, die an sich berechtigte Forderung durchzusetzen, daß die bei einem jeden Handelsvertrag entstehenden gegenseitigen Spitzen als zinslose Konten geführt werden. Vielleicht liegt hier eine der größten Schwierigkeiten für Maltzan, der die deutsche Delegation führt.

Wie hoch wird der Austausch sein? Die brasilianische amtliche Wirtschaftsstatistik denkt über die zum Export zur Verfügung stehenden Waren in vielen Fällen anders als die privaten Produzenten. Dies hängt zum Teil damit zusammen, daß, wirtschaftspolitisch, die Regierung in Rio amtlich bestimmte Mengen für den Handel mit anderen Ländern vorgesehen hat, während der einzelne Produzent natürlich das Bestreben zeigt, möglichst viel an den besten Kunden zu liefern – und viele der Produzenten in Deutschland, zu Recht oder zu Unrecht, den entgegenkommendsten Kunden vermuten.

Hierhinein spielt die Frage, wie das bisherige Importregime der brasilianischen Behörden mit den Interessen des deutschen Handels in Einklang zu bringen ist. In der Kriegs- und Nachkriegszeit haben sich in Brasilien viele Persönlichkeiten dem Im- und Exporthandel zugewandt, die ursprünglich damit nie etwas zu tun hatten; denn die Marge in diesem Geschäft war bei der Warenknappheit 1945 und später außerordentlich. Mühelose Gewinne winkten. Um nun die „artfremden“ Elemente aus dem Geschäft wieder auszuschalten, hat man hier den Begriff des „Importeurs mit Tradition“ geschaffen: Nur solche Importeure erhalten Importlizenzen, die nachweisen, daß sie mindestens drei Jahre im Geschäft sind. Und dann erhält ein solcher Kaufmann wertmäßig keine höhere Devisenzuteilung als sie dem Durchschnitt der in den letzten drei Jahren gemachten Importe entspricht. Somit sind führende Handelshäuser, die früher im großen Stil aus Deutschland importierten, heute aus dem Handel mit Deutschland vorläufg praktisch ausgeschaltet, weil der mengenmäßige Durchschnitt der Vorkriegsjahre nicht als Grundlage anerkannt wird und sie nach dem Kriege nur in geringstem Umfang aus Deutschland Waren beziehen konnten.

Und: Die Tatsache, daß formell der Kriegszustand zwischen Deutschland und den Mitgliedern der Vereinten Nationen noch nicht aufgehoben ist, wird zu Verhandlungen führen müssen, mit dem Ziel, während der Kriegszeit entstandene Sonderbestimmungen insoweit außer Kraft zu setzen, als sie den Abschluß und das reibungslose Funktionieren eines Handelsvertrages aus juristischen Gründen hindern können. – Aber, da wohl von beiden Seiten ein Handelsvertrag als dringend angesehen wird, keiner der Beteiligten an dem guten Willen der anderen Seite Zweifel hegt, ist zu hoffen, daß es der deutschen Mission in Kürze gelingt, ein Ergebnis zu erreichen, das die ehemals engen und freundschaftlichen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Brasilien auf neuer Basis wieder aufleben läßt. In Sao Paolo und auch in Rio ist man erwartungsvoll.