Von Rudolf Schmidt

In Berlin ist viel Platz für Neubauten entstanden. Aber an größere Projekte heranzugehen, ist noch nicht die Sache der Berlin-Planer. Ungewiß wie das Schicksal der Gedächtniskirchenruine am Zoo, über deren Bleiben oder Verschwinden seit Jahren gestritten wird, sind die Pläne für den Aufbau. Erst jetzt hat der zuständige Stadtrat den Stadtverordneten die Vorlage eines neuen Bebauungsplanes „Rund um den Zoo“ angekündigt.

Indessen wird aber überall in Berlin weitergearbeitet. So emsig sogar, daß man in Kürze mit einem Mangel an Bauarbeitern rechnen muß. Die ERP-Millionen, die bereits zu fließen begannen, und die zusätzlichen Mittel, die die Bundesrepublik zur Bekämpfung der Berliner Arbeitslosigkeit zur Verfügung stellt, haben schnell zu wirken begonnen. Theoretisch steht einer großen Neubautätigkeit also nichts im Wege; denn die Aufräumungsarbeiten, die Berlin während der Blockade unter eigenen erheblichen Opfern als Notstandsmaßnahmen leistete, haben genügend Bauboden bereitet. Trotzdem wird man in absehbarer Zeit nicht an größere Neubauten denken können.

Ein einfaches Rechenexempel klärt die Situation: Berlin ist zu etwa einem Drittel zerstört. Der Wert der Gebäude, der vor dem Kriege etwa 30 Milliarden Mark betrug, wird heute auf rund 20 Milliarden geschätzt. Aber um den noch stehenden Rest zu erhalten, um die wirklich reparaturwürdigen Häuser wieder voll bewohnbar zu machen, ist nach fachmännischen Schätzungen rund eine Milliarde erforderlich. Was sind dagegen die 35 Millionen aus der ersten ERP-Rate und die 80 Millionen, die Berlin aus Bonn erwartet? Deshalb versucht der Magistrat, die verfügbaren Mittel nach Möglichkeit zu den Reparaturen, also zur Substanzerhaltung zu lenken, die bis zur Beendigung der Blockade vernachlässigt werden mußte. Man wird deshalb in Berlin vorläufig zwar viele Gerüste, aber wenige Neubauten sehen, für die der Magistrat nur dann Baugenehmigungen erteilt, wenn kleine Lücken in den Häuserfronten damit geschlossen werden.

Diese durch die Verhältnisse erzwungene Zurückhaltung gibt Zeit, um in Ruhe an den Plänen für die neue Bebauung Berlins zu arbeiten, mit denen die besten deutschen Architekten – teils aus eignem Antrieb, teils im Auftrag des Magistrats – beschäftigt sind. Allein die zeitweise recht lebhafte öffentliche Diskussion der Pläne „Rund um den Zoo“ machte klar, wie schwierig es ist, sich auf Grundsätze zu einigen, die alle berechtigten Interessen befriedigen. Wirtschaftliche und städtebauliche Erwägungen widersprechen sich häufig, und beiden stehen mitunter soziologische Entwicklungen entgegen, die man wohl ahnen, aber nicht genau vorausberechnen kann.

Wenn man einen gültigen Plan für ein neues Berlin aufstellen wollte, müßte man zuvor wissen, ob man mit einem oder mit zwei Berlin rechnen soll. Was man auch tut in dieser eigenartigen Stadt – alles wird von der großen Politik bestimmt, auf die die Berliner nicht den entscheidenden Einfluß haben. Gewiß, der gewählte Magistrat könnte die Tatsache ignorieren, daß auch in dem sowjetisch besetzten Ostsektor ein Bauamt existiert, das an einem sogenannten „Generalbebauungsplan für Großberlin“ arbeitet. Er ignoriert es auch, und er legt seinem eigenen Plan die ganze Stadt zugrunde. Aber werden eines Tages die Voraussetzungen noch stimmen, von denen er heute ausgeht?

Nur der Städtebauer kann verstehen was es heißt, in einer geteilten Ruinenstadt, von der man nicht weiß, ob sie in absehbarer Zeit wieder eine Einheit sein wird, die voraussichtliche Entwicklung der künftigen City zu bestimmen. Wird die Innenstadt ihre alte Bedeutung je wieder erlangen? Das Planungsamt des Magistrats bezweifelt die Beständigkeit der Schloßstraße. Nach seiner Ansicht wird sich auch in – allerdings noch ferner – Zukunft die Berliner City, das heißt der reine Geschäfts- und Bürobezirk, vom Alexanderplatz über die Innenstadt, am Tiergarten entlang, an der Gedächtniskirche vorbei und den Kurfürstendamm hinunter bis zum Olivaer Platz hinziehen. Dieses ganze Gebiet soll deshalb vorläufig für den Bau von Wohnhäusern nicht mehr freigegeben werden. Da aber der Einfluß des Magistrats an der Sektorengrenze endet und da deshalb die – vermutliche – künftige City nicht den notwendigen Anschluß an die Wohnbezirke Ostberlins hätte, wird es schwierig sein, die Wirtschaft, die anders rechnen muß als die Verwaltung, zu größerer Bautätigkeit in dieser Gegend anzuregen. Dieses riesige Gebiet, in dem nur wenige unversehrte Häuser in einem unendlichen Trümmermeer stehen, wird also zunächst tot bleiben.