Die Überraschung, daß ein bisher nur in der Welt des Wortes und der Künste hervorgetretener und zu Ansehen gelangter Mann als deutscher Generalkonsul in Paris bestimmt wurde, hat nicht überall Zustimmung gefunden. Willi Baumeister, der eigenwillige und selbstbewußte Stuttgarter Maler, der „abstraktesten“ einer, hat – und gleich bei der höchsten Stelle der Bundesrepublik – die Befürchtung geäußert, Wilhelm Hausenstein. werde als Verfasser der kritisch abwägenden Schrift „Was bedeutet; die moderne Kunst?“ auf dem Montmartre und dem Montparnasse nicht mit offenen Armen aufgenommen werden. Theodor Heuss zögerte nicht mit der Antwort: Es heiße denn doch beim Richtungsstreit in der Kunst die Richtung verfehlen, wenn man dem besonnenen Warner vor Extremen die Eignung zum Vermittler zwischen zwei Ländern und ihren Kulturen aberkenne. Dieses Gespräch entbehrt nicht einer mehrfachen Pikanterie. Zunächst: Es wurde unter drei Männern geführt, die der Schwelle der Siebzig nahe und allesamt Alemannen sind (Hausenstein ist dem badischen Zweig dieses Stammes zuzurechnen, genauer: dem Schlag des nördlichen Schwarzwaldes). Der Protest kam ebenso aus der alten Generation wie der Anstoß und die Besänftigung. Dann: Er richtete sich gegen den Schriftsteller, der vor Jahrzehnten als erster und entschiedenster die eigentlich „modernen“, alle Augen Wirklichkeit überspringenden Tendenzen der bildenden Kunst nach Cézanne als die notwendigen und redlichen gegen allen Idealismus und alle Konvention, ja gegen die Tradition überhaupt verteidigt hat. Hausensteins „Bildende Kunst der Gegenwart“ von 1913 entthronte Thoma, Böcklin und Feuerbach und sprach für Picasso und Kandinsky. Die Wandlung vom Anwalt der Modernen zum Skeptiker vollzog sich, nicht sehr laut, in den Jahrzehnten, als es zum guten Ton gehörte, den Urteilen jenes Buches zu folgen. Begreiflich, daß mancher Empfindliche den Hausenstein von 1950 des Verrats am Hauenstein von 1913 bezichtigt – begreiflich, aber ebenso kurzsichtig, als wollte man etwa den alten Görres tadeln, weil er kein Jakobiner geblieben sei.

Denn es gibt Naturen, die im Wechsel der Situationen wohl ihren Standort behaupten, nicht aber ihre Meinungen. Das sind die unruhigeren, die weiteren, die erheblicheren – und zu ihnen gehört Hausenstein. Seine Meinungen haben gewechselt, nicht nur in Dingen der bildenden Kunst. In den Anfängen seiner publizistischen Laufbahn (bis 1914 mindestens) ergriff er Partei für die marxistische Deutung der Zeitprobleme (dazu bedurfte es damals noch beträchtlichen zivilen Mutes). Daß diese zu einer Ersatzreligion und einer fanatischen Orthodoxie führen müsse, erkannte er jedoch schon, bevor die Tatsachen es bewiesen, und so wurde er in diesem Jahrhundert ein ganz frühes Beispiel für die Wahrheit des Wortes von Artur Koestler, daß „die Ex-Marxisten zum Salz der Erde bestimmt sind“. Hausensteins unablässiges Forscher; und Umdenken, das wie bei jedem echten Schriftstellertemperament zugleich ein Produzieren war (die Liste seiner Schriften füllt ganze Katalogseiten), hat immer die zusammenhaltende Mitte gesucht, den archimedischen Punkt, von dem her sich der Zerfall unserer Kultur aufhalten und ihre Ordnung neu verstehen läßt. Auf diesem einsamen Weg hat er 1940 bei Kardinal Newman den Weiser zur katholischen Mitte gefunden – aber doch wieder nur so, daß ihm die katholische Welt Aspekte der produktiven Unruhe zeigte, die vor ihm niemand bemerkt hatte. Er entdeckte die künstlich und qualvoll verborgene Christlichkeit in dem „Sataniker“ Baudelaire – und sein unüberholbares Buch über diesen Dichter, dessen ganzes Werk er für die deutsche Sprache gewonnen hat, mag dann wohl die tiefer gültige Legitimation bei seiner Benennung für Paris gewesen sein, Lew.