Die Außenminister der drei Westmächte haben ihre Stimmen erhoben gegen die Gefangenhaltung jener Menschen, deren Gefangennahme durch ihren damaligen Alliierten sie einst begeistert begrüßten. Ihre Londoner Erklärung über die deutschen Kriegsgefangenen versinnbildlicht daher vielleicht deutlicher als andere Proteste jenes Entsetzen, das nicht nur uns Deutsche, sondern fast jeden einzelnen der westlichen Welt angesichts der zynischen TASS-Meldung über die Beendigung der Entlassungen aus der Sowjet-Union befallen hat. Und dennoch – Abscheu allein genügt nicht. Bloßes Entsetzen wird das grausame Spiel der Katze mit der Maus nicht beenden können, das Spiel des Laufenlassens und Wiedereinfangens.

Im Herbst vorigen Jahres verkündete Wilhelm Pieck, daß „bis zum Jahresende sämtliche Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion“ entlassen sein würden. Wenige Wochen später trafen, Meldungen über Meldungen von unfaßbaren Kollektivverurteilungen zu einer Einheitsstrafe von 25 Jahren Zwangsarbeit ein. Ehemalige Soldaten, und Offiziere wurden verurteilt, aus Gründen, um derentwillen jeder Deutsche nach Sibirien verschickt werden könnte. Von offiziöser sowjetischer Seite wurde später erklärt: „Die Aktion der Massenverurteilungen erfolgte aus politischen Gründen. Die politische Lage zwang uns, Gruppen potentiell gefährlicher Personen zurückzubehalten.“ Dann, weil, wie es in der sowjetischen Verlautbarung weiter hieß, „die Stärkung der Friedensfront in der Welt es uns erlaubt, großzügig und gerecht zu sein“, setzte ebenso schlagartig eine herdenweise Amnestie ein. Und heute gibt es laut TASS außer 14 Kranken keine regulären Kriegsgefangenen mehr in Sowjetrußland ...

Für uns gilt es daher, zu beweisen, daß diese Angaben nicht stimmen. Die Hamburger Wochenschrift „die Straße“ hat ihrem Namen Ehre gemacht und einen Weg gewiesen. Sie befragte 24 der letzten Heimkehrer, und diese konnten durch ihre Aussagen den Aufenthalt von 11 242 Kriegsgefangenen nachweisen, die noch in der Sowjetunion festgehalten werden. Möge die Bundesregierung mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln diese Anregung aufgreifen und alle 17 538 Heimkehrer des letzten Transportes, soweit sie im Bundesgebiet wohnen, befragen und ihre Antworten protokollarisch festhalten. Daraus ergäbe sich eine unanfechtbare Mindestzahl von Gefangenen, deren Existenz Kreml verschweigt. Und mehr als das. Es ergäbe sich eine Mindestzahl von Leben, die wir zurückerwarten dürfen. Denn es ist ja nicht wahr, es ist ein westliches Märchen, daß sich der Kreml in seiner Politik nicht um die öffentliche Meinung der Welt kümmere. Der Eiserne Vorhang trennt uns von unseren Kriegsgefangenen, Aber erst wenn wir den Vorhang des Schweigens niedergehen lassen, werden sie endgültig für uns verloren sein. C. J.