E. G., London, Mitte Mai

Die britische Wirtschaft präsentiert sich auf der diesjährigen British Industries Fair in London und Birmingham zum ersten Male im Zeichen der Abwertung. Es ist kennzeichnend für die Überwindung des knappen Verkäufermarktes, daß gesenkte Preise (hauptsächlich natürlich für Dollarkäufer) und verkürzte Lieferfristen im Vordergrund stehen. Es lassen sich sogar weitere Fortschritte in einer gefälligeren Aufmachung der Messe selbst und der ausgestellten Produkte feststellen, wenn auch der „Dienst am Kundenauge“ und die Anpassung an den Kundengeschmack noch nicht zur stärksten britischen Exportwaffe geworden sind. Einige der repräsentativen Großausstellen haben sich diesmal ferngehalten, darunter die großen Rayon- und Baumwollfirmen, die Mehrzahl der Fotounternehmen u. a. Messemüdigkeit also auch in England! Die Rayonfabrikanten finden es offenbar wirkungsvoller, ihre Kunden in eigene intimere Ausstellungsräume einzuladen, wie sich ja schon seit mehreren Jahren die führenden Konfektionsfirmen von der Messe zurückgezogen haben. Geblieben, sind nur die Spezialisten von Regenmänteln bis zu Schlipsen, von Schulterpackungen bis zu schottisch-karierten Smokingjacken...

Es ist nun in der Tat ein leicht verstärkter Zustrom von Dollarkäufern zu beobachten: Aus den USA, die es sich zur politischen Aufgabe gemacht haben, mehr aus England (und überhaupt aus Europa) zu kaufen, und aus Kanada, dessen. Einkäufer zwar mit Dollaraufwendungen sparsam sein müssen (weil es Kanada an Absatz in den USA fehlt), die jedoch in England noch immer mit „harter“ Münze zahlen und entsprechend willkommen sind. Man kann in britischen Exportkreisen (der Behörden und der Wirtschaft) deutliches Aufatmen verzeichnen, daß sich die nordamerikanische Wirtschaft so gut erholt hat und kauflustig bleibt.

Die Neuheits-Ankündigungen sind denn auch stark auf das amerikanische Ohr abgestellt, ob man nun eine Cocktailbar mit Stammbaum (von historisch angehauchtem Holz alter Schiffe) anbietet, dem amerikanischen „Chef“ mit einem Lautsprecher-Haustelefon zu imponieren trachtet, in dem er „automatisch Vorrang hat“ oder in Sportgeräten den originalbritischen Ursprung in amerikanische Stromlinienformen zu bringen bemüht ist. Besondere Anstrengungen zur Übertrumpfung der USA-Konkurrenz machen die Büromaschinenhersteller, bei denen man in der Stunde 3000 Briefe falten und kuvertieren, 20 000 Briefe zukleben und 30 000 Briefe öffnen lassen kann, während eine mechanisch arbeitende Registratur „unglaubwürdige“ – das heißt wohl aus dem normalen Rahmen fallende – Angaben durch Auswerfen der betreffenden Karteikarte „zurückweist“. Bedeutender als derartige Novitäten sind Angaben etwa der chemischen Industrie, daß durch Investitionen von mehr als 100 Mill. £ in der Ölchemie die führenden Firmen jede ihren Produktionsbereich um 70 bis 80 Artikel erweitert habe und daß Standard-Lösestoffe, wie Azeton oder Industrie-Alkohol, erhebliche Preissenkungen erfahren haben. Auch die Bemühungen der Gummi-Industrie, neue Verwendungsmöglichkeiten zu finden, nicht nur für Latexschaum-Polsterung und Latex-Straßenbelag, sondern etwa auch in neuen Imprägnierungsverfahren für Stoffmäntel und Socken und mit einem durchsichtigen wasserfesten Verpackungsmaterial, enthalten wichtige Hinweise auf den technischen Fortschritt.

Zum Mittelpunkt hat man auch in diesem Jahre, in sehr viel größerem Rahmen, die schon 1949 zum Messeschlager erhobene Atomenergie gemacht. Der größere der beiden britischen Atommeiler aus Harwell wird im arbeitenden Modell gezeigt. Schon im Vorjahre konnten wir von der Exportbereitschaft für derartige radioaktive Materialien, die Radio-Isotopen, berichten Inzwischen kann das britische Atemzentrun auf einen internationalen Kundenkreis, darunter auch einige deutsche Forschungsinstitute, hinweisen, der tatsächlich die ganze Welt – anscheinend in einigen ausgewählten Fällen auch die Welt hinter dem Eisernen Vorhang – umfaßt, jedoch mit der Ausnahme der USA: sie, die sonst gern dem Freihandel das Wort reden, verweigern britischen Isotopen die Einfuhrerlaubtis, wohl weil man seine eigene Atomenergie erzeugt, die jedoch nach den vorliegenden britischen Erfahrungen nicht so bereitwillig wie die britische an Wirtschaft und Wissenschaft abgegeben wird. Auch die britische Atomenergie geht, noch hauptsächlich an Forschungsstellen, die besser mit den erforderlichen Vorsichtmaßnahmen gegen die Radioaktivität vertraut sind. Auf zehn wissenschaftliche Aufträge kommt bisher nur einer der Industrie.

Von der Vielfältigkeit der Verwendbarkeit radioaktiver Materialien erhält man diesmal auf der B. I. F. ein anschauliches Bild. Das fängt mit den Gammastrahlen-Aufnahmen mit Hilfe von Iridium und Tantalum an, die sich sehr viel billiger stellen als Röntgen-Aufnahmen. Das setze sich mit „Fehlersuchen“ fort, ob es sich nun um die Aufspürung ungenügend gefüllter Packungen, Abweichung von gegebenen Maßen oder die Entdeckung statischer Elektrizität handelt, die Staub ansammeln, Isoliermaterial beschädigen, Nylonfäden verwirren oder leicht entzündbares Material in Brand setzen kann. Und das hört – vorläufig – beim radioaktiven Kohlenstoff Carbon 14 auf, der gewöhnlichem Kohlenstoff im Verhältnis eins zu zehn Millionen beigegeben, durch die Meßinstrumente zum Auffinden von Kohlenstoff im Stahl, zur Beobachtung der tierischen Blutbildung oder pflanzlichen Stärkebildung verhelfen kann. Noch in diesem Jahre hofft man, die Carbon-Radio-Isotopen in die „Serienproduktion“ zu geben und damit eine weitere Dollarersparnis (für die bisher nur aus den USA erhältlichen Carbon-Isotopen) für die Welt möglich machen zu können.