Viele werden in Deutschland ein wenig gegrinst haben, als sie die undemokratische Begründung lasen, mit der die Anti-Diffamierungs-Liga in Chikago dem Stellvertreter von McCloy, Mr. Buttenwieser, ihr Podium versagte: „Wir glauben an Redefreiheit“, so schrieb die Liga, eine jüdische Wohltätigkeitsorganisation, „jedoch nach Prüfung der im voraus eingegangenen Kopie Ihrer Rede können wir uns nicht mit dieser Ansprache einverstanden erklären“. Sicherlich waren die tausend Gäste, die nach Chikago gereist waren, um aus berufenem Munde Authentisches über die deutsche Situation zu erfahren, überrascht durch diese reichlich autoritäre Auffassung des Begriffs Redefreiheit. Aber am nächsten Morgen konnten sie und noch viele andere, die von dieser Rede normalerweise nie etwas erfahren hätten, in sämtlichen Zeitungen Amerikas das lesen, was Mr. Buttenwieser ihnen in Chikago hätte sagen wollen. Woraus man denn bei näherem Zusehen schließen kann, daß ein solcher Willkürakt nichts gegen die Demokratie aussagt, sondern im Gegenteil dazu angetan ist, die Vorteile des demokratischen Systems deutlich zu offenbaren.

Und noch etwas sollten wir bedenken: es kann nach allem, was geschehen ist, nicht wunder nehmen, wenn ein jüdisches Komitee mit der Feststellung des stellvertretenden Hohen Kommissars, nicht alle Nazis seien Teufel gewesen, keineswegs übereinstimmt. Was hingegen nicht nur Beachtung, sondern unsere Hochachtung verdient, ist, daß Benjamin Buttenwieser, der sicherlich 1946 sehr anders gedacht hat, sich heute offen zu der Auffassung bekennt, daß „auch den früheren Nazis, sofern sie freigesprochen wurden oder ihre Strafe verbüßt haben, gestattet werden muß, wieder als ein von der Gemeinschaft akzeptiertes Mitglied tätig zu sein“. D