Von Alice Maria Rotholz

Bangkok, im Mai

Am 24. März 1950 landete der siamesische. König Bhumibol Aduldej auf dem Kanonenboot Sri Ayudhia in Bangkok, um an den Trauerfeiern für seinen Bruder, König Amanda Mahidol teilzunehmen. – Einen Monat später fand Bhumibols Hochzeit mit der Prinzessin Sirikit statt. Die Prinzessin in ihrem goldgestickten pasin (siamesischer Rock) empfing aus den Händen ihres jungen Gemahls den Chakkri-Orden, und die Königingroßmutter salbte das junge Paar, das ihr die traditionellen Opfergaben – Blumen, Kerzen und Sandelhölzer – darbrachte. Anfang Mai wurde dann der letzte Sproß der Chakkri-Dynastie zum König gekrönt.

Vier Jahre war der neue König seinem Lande ferngeblieben. Das Letzte, was das siamesische Volk von ihm gesehen hatte, war sein schmales, verdüstertes Knabengesicht hinter der Scheibe des Autos, das ihn und seine Mutter zum Bangkoker Flughafen brachte. Zwei Monate vorher, am 9. Juni 1946, war Ananda Mahidol mit durchschossener Stirn im Königspalast aufgefunden worden. Das Geheimnis dieses Todes beschäftigt noch heute die siamesischen Gerichte. Der in Amerika geborene Prinz Bhumibol hatte nach der Katastrophe seine juristischen Studien in Lausanne wiederaufgenommen. Daneben komponierte er Lieder im siamesischen und westlichen Stil, fuhr die neuesten Rennwagen und verlobte sich schließlich mit der reizenden Tochter des siamesischen Gesandten in England. Dabei blieb er der „Erste Buddhist seines Landes“.

Mit der Landung in Bangkok begannen jene denkwürdigen Staatszeremonien, die selbst in diesen hektischen Krisentagen die historische und spirituelle Stabilität des siamesischen Königtums demonstrieren sollten. Während auf dem Pramane Ground, der weiten Königswiese in der Nähe des Großen Palastes, der Goldene Meru (Krematorium für Könige und Prinzen) gezimmert wurde, wohnte Bhumibol Aduldej in der Thronhalle der uralten Wienthian-Zeremonie bei. Dieser brahmanische Brauch war ein symbolisches Vorspiel zu der Verbrennungsfeier für König Ananda. (Seit dem fünften Jahrhundert fungieren Brahmanen als Priester am siamesischen Königshof; ein indischer Import aus dem alten Kambodien.) König Bhumibol – zart, schlank und bebrillt – saß reglos in der Mitte der Thronhalle, umgeben von einem flammenden Ring. Dann löschten die Brahmanen die Kerzen. Ein Priester kniete vor dem jungen Beschützer der Lehre, netzte seine modernen Schuhe mit parfümiertem Wasser und trocknete sie demütig mit einem seidenen Tuch. Dies ist die symbolische „Reinigung der Füße“. Dann bestieg Bhumibol Aduldej seinen Daimler.

Am nächsten Tage versammelten sich siamesische, chinesische und annamitische Buddhistenmönche in der 160 Jahre alten Dusit-Halle des Großen Palastes, wo seit vier Jahren die goldene Urne mit den sterblichen Resten König Anandas aufgestellt war. Umgeben von seiner Familie, Mitgliedern der Regierung, des Adels und des Diplomatischen Korps, lauschte König Bhumibol dem Abte des Bangkoker Marmortempels. Der Mönch in der wallenden, sonnengelben Robe predigte über „die Unvermeidlichkeit des Todes und die Vergeblichkeit menschlicher Wünsche“. Es folgte die Kong-Tek-Zeremonie. Papiermodelle eines Palastes, eines Rolls-Royce sowie Papier-Bildnisse von Palastpagen und königlichen Köchen wurden feierlich zu Asche verbrannt, damit König Ananda in der Geisterwelt seinen gewohnten Komfort vorfindet.

Am Abend strömte ganz Bangkok zum Pramane Ground, wo der „Goldene Meru“ mit magischen Lichtern in den tropischen Nachthimmel ragte. Dieses schimmernde Krematorium, das am nächsten Morgen die sterblichen Reste König Anandas aufnehmen sollte, ist ein Symbol des mythischen Meru – Abbild des Himmels, den Gott Indra bewohnt. Es trägt auf ragender Turmspitze einen kleinen, weißen, neunstufigen Sonnenschirm – das traditionelle Wahrzeichen des siamesischen Königshauses. Anmutige Pavillone für königliche und diplomatische Gäste befinden sich zu beiden Seiten des Meru. Es war alles wie in alten Zeiten; nur fehlten im Jahre seines 1950 die beiden brahmanischen „Wunschbäume“ auf dem Vorplatz. Zitrusfrüchte, die je ein Geldstück enthielten, pflegten früher an den Zweigen jener Märchenbäume zu hängen, die nach der „Königlichen Verbrennung“ von zwei Brahmanen geschüttelt wurden. Das Volk haschte dann vergnügt nach den lukrativen Früchten. Dann gab es Boxkämpfe, Feuerwerk und allen jenen sanuk (Spaß), von dem man in Siam niemals genug kriegen kann. Trauerfeste sind in buddhistischen Ländern wirkliche Feste. Denn obwohl auch der überzeugte Buddhist den Tod eines nahestehenden Menschen als persönlichen Verlust empfindet, betrachtet er ihn doch als das wünschenswerte „vorläufige“ Ende einer langen, unglücklichen Episode – Leben. In Ostasien ist der Totenschein der Reisepaß ins Nirvana.