Von Jan Molitor

Wenn es wahr ist, daß die Verhandlung über den Stuttgarter „Denazifizierungs-Skandal“, der „Meyer-May-Prozeß“, ein Schlag ins Wasser war, wie viele Leute sagen, dann ist’s immerhin ein mordsmäßiger Schlag gewesen; denn in Württemberg-Baden kräuseln sich, obwohl diese Gerichtstage schon vor zwei Wochen endeten, noch immer die Wellen, und auf den Fluten schweben und schwimmen nach wie vor seltsame Blüten, die niemand für schneeweiße Seerosen halten kann. Der „Fall Rapp“ schwimmt noch. Aber das Neue ist, daß gewisse Strafkammern beim Stuttgarter Landgericht zuständigkeitshalber mitgeteilt haben, sie würden nicht gegen ihn Termin eröffnen und nicht gegen zwei Fabrikanten, die der aktiven Bestechung in Entnazifizierungssachen angeklagt waren, worauf die Staatsanwaltschaft vorsorglich Beschwerde einlegte. Immerhin war Rapp einmal Stellvertretender „Befreiungsminister“ in Württemberg-Baden und hatte „Amtshandlungen“ verübt, die man rechtlich keineswegs gutheißen, aber juristisch vielleicht auch nicht verdammen kann. Dies übrigens trat schon zutage, als er im „Meyer-May-Prozeß“ Nebenfigur war. Und Nebenfiguren mögen auch die beiden Fabrikanten sein, gegen die nicht verhandelt wird, Chargenspieler.

Wer dies bedenkt, sieht vieles vielleicht klaren Ist es nicht in jedem anständigen Theater ein dramaturgisches Gesetz, daß man Nebenfiguren nicht zu Hauptgestalten machen soll? Hat man’s nicht immer wieder von den Dramaturgen vernommen, daß man die Einheit der Handlung nicht gefährden soll, will man eine wirksame Vorstellung geben? So ist es, der „Meyer-May-Prozeß“, er allein, dem alle Aufmerksamkeit gebührt. Dafür hat man in Stuttgart – ob wider Willen oder nicht – schon vorgesorgt. Sagte auch der Staatsanwalt, hier sei „aus einer Mücke ein Elefant“ gemacht worden und der Fall sei „nur ein minderbedeutender Korruptionsprozeß“ welche falsche Bescheidenheit! – so dürfte jeder ausrufen, der Gelegenheit hatte, der Vorstellung beizuwohnen. Das außerordentliche Schicksal eines Helden darzustellen, der typisch ist für seine Zeit – nichts anderes ist ja schon immer die Bedeutung eines guten Bühnenstückes gewesen. Und diese Aufgabe haben die Stuttgarter „Befreiungsszenen“ – mögen sie auch nur ein Beispiel unter vielen sein – meisterlich erfüllt. Wenn auch die Voraussetzung der Szenen von anderer Seite geschaffen war, von Seiten der Alliierten nämlich, die das Thema „Denazifizierung“ überhaupt erst aufs Tapet brachten und den Einfall hatten, Nicht-Juristen zu „Richtern“ zu machen, so muß man – selbst unter der Annahme, so dramatisch hochwertige Aufführungen seien auch anderwärts möglich gewesen – doch anerkennen, daß die Stuttgarter Inszenierung weder geistige noch materielle Kosten gescheut hat, das ganze Unternehmen zu guter Letzt plastisch als das herauszuarbeiten, wofür humorignachdenkliche Leute in Württemberg-Baden es lange schon gesehen hatten: als das große Finale jener „Befreiungs“-Revue, die lange, genug schon, nämlich fünf Jahre lang, die deutschen Gemüter erschüttert hat

Rekapitulieren wir kurz die Rolle, die den Hauptdarstellern vom Schicksal oder vom Zufall oder weiß derTeufel, von wem, zugewiesen war; man könte sogar denken, daß der Teufel selbst die Rollenverteilung vorgenommen hatte, ein Teufel übrigens nicht ohne Humor: Da war also Meyer, jener Mann, der wegen aktiver Bestechung und Abgabe; einer falschen eidesstattlichen Erklärung zu acht Monaten, und da war May, der wegen passiver Bestechung zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wurde. Und dies waren ihre Positionen: Heinz May amtierte als Chefankläger der Spruchkammer Ludwigsburg, und August Meyer, Inhaber eines „Vermittlungsbüros“ in Nürtingen, sorgte dafür, daß Mays Anklage jene Klienten milde behandelte, die sich an seine, Meyers Vermittlung gewandt hatten. Sein Firmen-Motto, weithin plakatiert, lautete: „Meyer macht alles“. Man wird zugeben, daß dieses Plakat, das jahrelang in Stuttgart überall zu lesen war, eine achtbare Andeutung einer zukünftigen Komik war. Gleichsam ein Trompetenstoß, anstatt eines Prologs, der das große Durcheinander ankündigte.

Dennoch! „Württemberg-Baden ist der geordnetste deutsche Staat“ – : diesen zumindest grammatikalisch unmöglichen Superlativ zu prägen, war dem Ministerpräsidenten Dr. Maier vorbehalten, der beim „Meyer-Prozeß“ zwar nicht auf der Szene erschien, dessen Stimme man aber gleichsam von draußen hörte und der es augenblicklich immer noch erdulden muß, daß eine Kommission untersucht, ob und wie viele unbegründete „Grlenerlässe“ er in Denazifizierungssachen unterzeichnet hat und ob und wieviel Geld dem Staate dadurch verlorengegangen ist. Es seien Millionen-Beträge, sagen Juristen aus dem „Befreiungsministerium“. So kommt es, daß man in Stuttgart, der Stadt, die unter der Leitung ihres weitsichtigen Oberbürgermeisters Klett so tüchtig und beispielhaft an ihrem Aufbau arbeitet, zumindest Laxheit dem mächtigsten Manne im Staate, dem Dr. Maier, vorwirft, Laxheit in Denazifizierungsfragen und „Vetterles-Wirtschaft“ in manchen anderen Sachen. Doch dies nebenbei....

„Von draußen“ tönte auch eine Sentenz des „Befreiungsministeriums“ in den Saal, in dem das Tribunal zur Szene geworden. Es wurde nämlich ein Dokument verlesen, das gehörige Heiterkeit erregte: Solche Mitglieder, die zur Entlassung kämen oder gekommen waren, sollten – so lautete der Ratschlag des Ministeriums am 7. August 1948 an die bedrohten eigenen Mannen – die angeknüpften Beziehungen zu erfolgreich „denazifizierten“ Industriellen ausnutzen... Es war übrigens neben May und Meyer ein dritter Angeklagter vor die Gerichts schranken zitiert worden: der ehemalige Spruchkammer-Vorsitzende Kessler, den man wegen seiner milden Sprüche den „Mitläufer-Kessler“ nannte und der von der Anklage, bestechlich gewesen zu sein, zwar freigesprochen wurde und doch nicht verheimlichen konnte, daß er allzusehr geneigt gewesen war, glanzvolle Einladungen seiner Klienten anzunehmen. Er ist zwar freigesprochen worden, aber nicht entschuldigt, und ein Disziplinarverfahren steht ihm noch aus. Ihn, der einst ein untadeliger Offizier gewesen war, hatte ein langer Auslandsaufenthalt vor der Gelegenheit bewahrt, sich politisch zu belasten. Nun hatte er den Richter spielen müssen, und gern hatte er’s nicht getan, denn er war eine mitleidige Seele, so daß man auch Mitleid mit ihm haben muß.

Wie angedeutet, trat als Zeuge, nicht als Angeklagter, also als Nebenperson jener seltsameHerr Andreas Rapp hervor, der als stellvertretender Befreiungsminister die Höhe der Bußzahlungen derart festgesetzt hatte, daß er die Unterlagen über die Vermögensverhältnisse der „Betroffenen“ bei einem „Büro“ anforderte, das er selbst gegründet hatte. Er war – bleibt man beim Ausdruck „Vetterles-Wirtschaft“ – sein eigener Vetter! War es doch das „Büro Rapp“, das den Stellvertretenden Minister Rapp unterrichtete, wobei es die Zahlkraft der Betroffenen meist sehr niedrig einstufte, wofür es von den dankbaren Klienten dadurch, belohnt, wurde, daß es gutbezahlte Privataufträge erhielt.