Da war mal ein simpler Major, der zernierte mit-seinem Wachbataillon am 20. Juli 1944 als ein getreuer Paladin seines „Führers“ die Bendlerstraße und kam so zu einer Rolle in der Tragödie jenes Tages. Er avancierte daraufhin vom 20. Juli 1944 bis Toresschluß zum Generalmajor. All dies passierte ihm in Ausübung der „soldatischen Pflicht“, wie der „vom Gesetz nicht Betroffene“ behauptet, und er lebte also auch nach den berüchtigten „fünf Minuten nach Zwölf ungeschoren dahin. Schön, Schwamm drüber!

Aber mitnichten! Besagter Herr Remer, dessen „Weltruhm“ letztlich darauf beruhte, daß er an jenem Stichtag an einer falschen Stelle Posten stand und der dann von Goebbels zum Helden kreiert worden ist, will auch weiterhin des Weltruhms fröhnen, an dem er per Zufall und durch die Macht des Reichsrundfunks geleckt hatte. Er ist fleißig dabei, seinen „Weltruhm“ von damals auszubauen. Er hat dabei eine seltsame Technik? er bagatellisiert einmal seine Bedeutung in dem Geschehen jenes 20. Juli, reitet aber anderseits unentwegt auf jener bagatellisierten Funktion, zu der ersich stolz bekennt, herum.

Wie weit er den alten „Ruhm“ schon wieder aufpoliert hat, beweisen folgende Tatsachen: Da kamen zwei schwedische Journalisten kürzlich nach Deutschland, und sie gondelten viele Stunden und eine Unzahl von Kilometern hinter Herrn Remer her, um ihn reden zu hören. Und als man ihnen sagte, daß es bei uns vielleicht wichtigere Dinge zu berichten gäbe als die Tiraden eines simplen ehemaligen Majors über seine Rolle an jenem 20. Juli, da sagten sie: sie hielten es für typisch für die politische Situation in Deutschland, daß jener Wachbataillons – Chef heute hier redet und wie er redet... Ja, und dann sagten sie weiter, jener Remer werde von einer anderen demagogischen Koryphäe gemanagt, der sich – so berichteten sie wörtlich – „von Doktor Goebbels nur dadurch unterscheidet, daß er nicht hinkt!“

Was soll man da machen? Die Herren hatten ihr festes Programm! Und es ist die alte Sache: von außen sehen sich ganz andere Sachen als interessant an als von innen. So kam ich denn also, angesteckt von der Inbrunst, die den schwedischen Herren hinsichtlich des Herrn Remer innewohnte, auf die Idee, ihn mir auch einmal anzuhören.

Ich dachte nicht, daß es so aufregend sein würde. Allein schon der „Anmarsch“ zum Versammlungslokal. Ein ganzer Straßenzug war von Polizei systematisch abgeriegelt, um Andersdenkende von der Remerversammlung fernzuhalten, für die „persönliche Einladungen“ ausgegeben waren. Einige schlüpften auch so durch. Ich zählte insgesamt 77 uniformierte Polizisten, die aufgeboten waren, um jene Ruhe aufrechtzuerhalten, die Herr Remer braucht, um seine faschistische Stimme vor 200 Eingeladenen zu erheben. Und der Oberste der 77 Uniformierten, die sich einem unvoreingenommenen Betrachter als eine Art von „Remers neuem Wachbataillon“ präsentieren konnten, sagte lakonisch: „Lieber Herr, wir brauchen entsprechende Gesetze zum Schutze der Demokratie, um eingreifen zu können, Was können wir so weiter machen als die Ordnung aufrecht erhalten!

Herr Reiner ist groß und das, was die früheren Dichter „rank“ nannten. Seine Stimme bekommt etwas Feuer, wenn er von seinem großen Abenteuer redet, jener Zernierung der Bendlerstraße. Was er sonst noch sagt, wirkt wie eingelernt, wie Floskeln aus einem „Leitfaden zur perfekten Erneuerung Deutschlands“.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, es mit einer Null zu tun zu haben, die sich als politisches Nummerngirl mit militaristischem Sexappeal mißbrauchen läßt. Wenn, wie Herr Remer behauptet, in Berlin schon alles entschieden war, als er eingriff, wenn seine Funktion am 20. Juli so unbedeutend war, warum exerziert er dies dann unentwegt vor? Warum wirft er dann jetzt, Im Jahre 1950 diese „Funktion“ von damals als Lockvogel aus, um Leute herbeizuziehen, die sich großenteils an seinem Auftreten erfreuen, weil es die Republikaner ärgert