Seit der Film „Der dritte Mann“ von Carol Reed trotz seiner Trümmeratmosphäre ein Welterfolg wurde und seit der neue realistische Filmstil der Italiener auch bei uns Aufmerksamkeit erregte, ist auch in deutschen Filmen das Leben der Gegenwart wieder ein begehrtes Thema. Nach dem guten Versuch von Fritz Kirchhoff, der in seinem Film „Nur eine Nacht“ das Leben im Hamburger Vergnügungsviertel St. Pauli ungeschminkt einfing, wurde der Wolfgang-Liebeneiner-Film „Des Lebens Überfluß“ zunächst voller Ängstlichkeit in geschlossenen Aufführungen zur Diskussion gestellt und dann im „Marmorhaus“ in Berlin öffentlich gezeigt. Er beginnt sehr nach der Reedschen Art mit dem Bild eines spielenden Kindes, das seinen Reifen unter einen Leichenwagen trudeln läßt. Er spielt in einem Trümmerhaus in der Hamburger Werderstraße, in dem tatsächlich erstaunlicherweise bis heute Menschen wohnen, wenn auch nicht jene, die Liebeneiner dort wohnen läßt. In der vom Erdgeschoß bis unters Dach effektvoll zusammengewürfelten Ansammlung von Menschen – es sind ein streitbares Hausbesitzerpaar, ein leichtes Mädchen mit ihrem Freund, ein altmodisch romantisches Pärchen, zwei handfeste Ganoven und ein Studentenpaar – wird sehr bald zu viel Regie offenbar, auf Kosten der Realität und Glaubwürdigkeit. Der Film ist erstaunlich deutlich, wobei er in seiner kalten Betrachtung von Tod und Begräbnis den „ökonomischen Standpunkt“ einnimmt, der nicht mehr menschliche Gefühle, sondern Erwerb und Opportunismus gelten läßt. Der Film schreckt nicht davor zurück, die ganze bedrängende Härte der Gegenwart zu schildern, aber da die dennoch optimistische Idee für das Drehbuch Artur A. Kuhnerts aus einer Novelle von Tieck stammt, liegt darüber ein versöhnlicher Schimmer der Romantik, der allerdings nicht völlig überzeugt. So gerät das studentische Milieu reichlich unecht, von der erschreckenden Ungeistigkeit, die diese jungen Akademiker charakterisieren soll, ganz zu schweigen. Obwohl der Film vortrefflich photographiert, effektvoll im Schnitt und voll Witz und prallem Humor ist, behält man am Schluß ein peinliches und beschämendes Gefühl, das nicht nur aus der ironischen Beleuchtung moralischer Unzulänglichkeit unserer Gegenwart kommt, sondern in der harmlosen, gefälligen Oberflächlichkeit, in der das geschieht, seine Quelle hat. Daß jedoch fern der Schablone ein neuer hoffnungsvoller Versuch gemacht wurde, soll unbestritten bleiben. Er begann erfreulicherweise mit einer Reihe hoffnungsvoller junger Schauspieler. E. M.