Was ist eigentlich Europa-Clearing? Clearing bedeutet zunächst nichts als Verrechnung. Geldforderungen werden zwischen den Partnern so verrechnet, daß nur die Salden beglichen zu werden brauchen. Im innerdeutschen Verkehr haben de Banken solch ein Clearing seit langem untereinander zum Ausgleich ihrer Zahlungen praktiziert. Durch Aufrechnung der einzelnen Posten wird Arbeit gespart und der Geldmarkt wird elastisch. Durch die Zerschlagung des alten Bankenapparates ist der regionale Geldausgleich ebenso erschwert, wie durch die hypernationale Politik der europäischen – schwachen – Einzelstaaten der übernationale Verrechnungsverkehr. Abhilfe soll das geplante Europa – Clearing schaffen, Das Prinzip ist also national wie international das gleiche: Vereinfachung der Zahlung und damit Elastizität bei den Zahlungen.

Zur Sprengung der Fesseln des zwischenstaatlichen Güter- und Geldverkehrs heißt der handelspolitisch; Ausweg Liberalisierung, der währungspolitische Europa-Clearing. Gemeinsam ist beiden, daß man nicht über Nacht den Kopfsprung n das kalte Wasser der Freiheit wagen will, um nicht neue Disharmonien – Startgerechtigkeit! – aufkommen zu lassen.

Beim Europa-Clearing übernimmt ein überstaatliches Institut die Verrechnung der aus dem Handelsverkehr entstehenden Forderungen. Die Verrechnung selbst erfolgt in einer übernationalen Währungseinheit, der Europadevise, die in einem festen Verhältnis zu den Wechselkursen der einzelnen Staaten steht. Hierin liegt die einzige Erweiterung gegenüber dem Bankenclearing. Sie ist notwendig, weil Geld, wenn es die Landesgrenzen überschreitet, nicht immer denselben Gesetzen wie im Inland zu gehorchen braucht.

Was soll nun dieses Europa-Clearing leisten? Es soll wieder jeder bei jedem kaufen können. Ein Kreditmechanismus ermöglicht zudem, zeitweise auch auf Pump zu leben. Devisenbewirtschaffung und Dollarklausel werden überflüssig? der primitive Tauschhandel, genannt Bilateralismus, wird hinfällig. Eine Ausweitung des innereuropäischen Handels ist zu erwarten. Dadurch wird dann auch das chronische Dollarleiden Europas gebessert: man braucht künftig in Amerika weniger zu kaufen. Die Frage: „Was geschieht nach 1952?“ verliert etwas ihren Schrecken. Letztes Ziel ist die freie Konvertierbarkeit aller Währungen, nicht nur der europäischen.

Noch aber ist die Clearing-Union nicht Tatsache. Doch die USA wollen 600 Mill $ dem Kind in die Wiege legen. Für die ersten Gehversuche wird das vielleicht gerade ausreichen. Großbritannien konnte zum Beitritt bewogen werden, mit gewissen Vorbehalten allerdings. Der Sterlingblock ist nun einmal weithin überseeisch orientiert. Nutznießer kann Deutschland sein. Durch die EPU (European Payments Union) wird es vielleicht seinen alten Aktivsaldo im europäischen Handel wiedergewinnen, denn die Dollarklausel entfällt.

Voraussetzung für das Funktionieren dieser. Einrichtung ist ein gewisser Gleichklang der Währungspolitik in allen beteiligten Ländern. Ein Mitglied wird nicht Deflationspolitik, ein anderes großzügige Kreditausweitung betreiben können. Über kurz oder lang würden die Zahlungsbilanzschwierigkeiten so groß werden, daß sie den Mechanismus zersprengen. Ohne Verzicht auf manche nationalen Souveränitätsrechte also brauchte man nicht erst anzufangen. Mit anderen Worten: die Planwirtschaftsländer werden sich der marktwirtschaftlichen Konzeption anpassen müssen. Dies wiederum heißt Verzicht auf nationale Vollbeschäftigungspolitik, wenn auch später eine gesamteuropäische Zielsetzung dieser Art möglich sein wird.

Aber noch eine andere Befürchtung ist zu überwinden: in der amerikanischen Wirtschaft glaubt man, durch die Clearing-Union werde sich allmählich Europa vom Weltmarkt (d. h. von New York) „wasserdicht“ abzuschließen vermögen. Interessengegensätze könnten somit die objektiv richtige Konzeption stören.

Mitte 1950 soll die neue Form der Währungszusammenarbeit anlaufen, nachdem die Ziehungsrechte des ERP bereits ein gewisser Vorläufer waren. Wird sie gelingen? Niemand wird das schon heute zu behaupten wagen Sicher ist eines: schafft es die EPU nicht, dann ist es um die Liberalisierung trübe bestellt und auch die geplante Europa-Union könnte abgeschrieben werden. Egon Tuchtfeldt