Von Reinhold Schneider

Die Geschichte der Menschheit ist in einem hohen Grade bestimmt von der Geschichte ihres Geistes. Das ist in den letzten Jahrzehnten wieder ganz deutlich geworden. Die geschichtliche Macht des Geistes ist offenbar. Als solche aber ist er frei, zu zerstören wie zu erhalten. Heute wird die zerstörende Macht des Geistes allenthalben gefürchtet; der erhaltenden wird viel weniger vertraut. Welchen Sinn aber hat es, das Fest des Geistes zu feiern, wenn wir ihm die zerreißende, vernichtende Kraft viel eher zuerkennen als die vereinende, rettende?

Gläubige wie Ungläubige sind zu der Einsicht gekommen, daß der Geist sich dem Gewissen anschließen muß. Als das Jahrhundert der Wissenschaft, nicht aber des Gewissens, hat der Bischof von Lourdes unsere Zeit gekennzeichnet. Von Seiten der Wissenschaft hat Hermann Friedmann in seinem neuen Werke „Wissenschaft und Symbol“ die Synthese von Ethik und Weltbild vollzogen. Gilt diese für die Naturwissenschaft, wieviel mehr für die Geschichtsschreibung, die es unmittelbar mit dem Menschen zu tun hat, aber auch für die Kunst, die mit den ihr eigenen Mitteln den Menschen im Gewissen treffen soll, um ihn zu erheben, zu wandeln! Wir vertreten damit nicht etwa eine ausschließlich abendländliche Überzeugung: der Buddhismus ist in der Entwicklung einer kosmischen Ethik unter ganz anderen Voraussetzungen noch entschiedener gewesen; wenn von buddhistischen Weisen – nach H. von Glasenapp – die „Existenz als Mensch immer erneut als ein seltener Glücksfall gepriesen wird“ – weil eben der Mensch allein „das Dasein in Frage stellen“, weil nur er den Weg der Erfüllung gehen kann: alles Böse meiden, das Gute tun und das eigene Herz läutern, nach der Lehre Buddhas – so ist die sittliche Verpflichtung des Geistes bestimmt, wenn auch in der Übereinstimmung zwischen Westen und Osten: vom Geist wird das Heil erwartet; er hat die Macht, zu zerstören, aber es ist ihm nicht erlaubt.

Die ungeheure Umwandlung des Weltbildes, die in den letzten hundert Jahren geschah, gehört gewiß zu den größten Erscheinungen menschlicher Geistesmacht. Sie führte an den Rand eines Abgrundes, in den die Welt in diesem Augenblick zu stürzen droht; in den sich hinabzustürzen, angezogen von der Magie seiner Tiefe, die Menschheit versucht ist. Es muß nicht geschehen; aber die Gefahr ist sehr groß. Die gemachten Entdeckungen müssen nicht zum Tode führen: Wohl aber führt der Geist zum Tode, der sich heute ihrer bedient. Nicht einmal der Glaube bringt die ihm anstehende Klarheit und Entschlossenheit im Widerstande auf; er ist von der Angst verwirrt; er flüchtet sich zum Naturrecht, dessen Anrufung und Mißbrauch niemals grotesker sein konnte, als in dieser Stunde, da wir im Begriff sind, unter Berufung auf das Naturrecht die Natur selber aufzuheben – so weit nur der Radius der uns überantworteten vernichtenden Kräfte reicht. Hinter der Verwirrung wird der ungeheure Selbstbetrug der Christenheit sichtbar, die allen Ernstes glaubte, die Botschaft unter Blutvergießen ausbreiten oder verteidigen zu können, während die ungeheure Segensmacht der Botschaft doch allein auf denen ruht, die den Frieden denken und tun.

Wollen wir unter solchen Zeichen Pfingsten feiern, so müßte es durch ein Bekenntnis zu dem vereinenden, rettenden Geiste sein, in dem auf ausreichende Weise zu wirken uns vielleicht schon nicht mehr vergönnt ist. Es ist der Geist, der den von ihm gelösten Bund mit dem Gewissen wieder eingeht. Dieser Bund kann von vielen, von Denkern, Forschern, Technikern, Staatsmännern, Künstlern in diesem Augenblick nicht ohne schmerzliche Konflikte, ohne schwere Opfer und Gefahren geschlossen werden; denn der Einsatz des Geistes, den sie leisten, ist wider das Gewissen. Aber wo immer ein solcher Widerspruch zwischen Geist und Gewissen klafft, da ist die Welt krank bis ins Innerste; da geschieht das Hereinfluten der zertrümmernden Mächte, die die Welt von Anfang an beschatten.

Ihm entgegen wirkt das unerschöpfliche Herabfluten des Geistes, dessen Fest wir dem Christentum verdanken. Es ist der Tag der Herabkunft des verheißenen Trösters, der „alle Wahrheit lehren“ wird. Damit ist der Christ, der den Geist erbitten, empfangen soll, zuerst unter das Gewissen gestellt: vor „aller Wahrheit“, vor der ganzen, vereinenden, die Menschheit bildenden Wahrheit soll er sich verantworten.

Wir müssen uns darüber klar sein, daß die folgenschwerste Schuld, die Menschen auf sich laden können, vom Geiste begangen wird und vor irdische Tribunale nicht gezogen werden kann. Das von Christus erweckte Gewissen, das das Innere und Innerste rein halten soll, klagt diese Schuld an als Verletzung göttlicher Ordnung. Wir wissen, wann wir den Tod denken; wir wissen es allein. Dieses Gewissen ist Welterbe und wird nicht schwinden; es wird nicht in allen sein, aber doch überall im einzelnen – und welche Verheerungen zu den bisher geschehenen auch kommen werden, es wird genau dasselbe sagen wie heute: daß der Geist einstehen muß für Leben und Geschichte, für die Schöpfung überhaupt, und daß zwischen dem Decken der erhaltenden, vereinenden Wahrheit und dem Denken der Vernichtung eine untrügliche, unmißverständliche Grenze verläuft.

Hier, nicht auf dem Felde der sozialen Ordnung, so unabweislich auch deren Forderungen sind, fällt offensichtlich die Entscheidung über die Menschheit. Alles geht darum, ob der Geist sieht entschließt, keinen Schritt mehr zu tun, der ihn von dem das Ganze umfassenden Gewissen löst. Der Geist kennt kein Alter, keine Überwindung durch die Geschichte. Die Kraft zu. erneuern, ist ihm wesentlich. Aber zur Wirkung kann sie erst kommen, wenn eine Wendung des Willens sich ereignet hat: wenn der Geist wenigstens in dem Sinne fromm wird, daß er erhalten, verehren, alles Lebendige beschützen möchte. In diesem Geiste müßte alles Denken und Forschen, Bilden und Dichten geschehen. Und dies allein ist der Geist, den wir am Pfingstfest anrufen dürfen, im Glauben, daß er herabkommen, die Waffen zerbrechen und die Erde erneuern werde, was keine andere Macht vermögen wird.