Das neue Gesetz 27 (es Gesetz Nr. 75) hat in politischen und wirtschaftlichen Kreisen an Rhen und Ruhr zunächst kein rechtes Echo gefunden. Wesentliche Punkte seines Inhaltes waren schon in den verflossenen Wochen durchgesickert; die neuen und nicht unerheblichen Verbesserungen waren folglich unsichtbar vorwegkompensiert; zudem hängt die Öffentlichkeit an den „faszinierenden Perspektiven“ des Schuman-Planes. Wenn aber nach einigen Wochen der politische Effekt der Pariser Industrieoffensive im Zuge langwieriger Fachkonferenzen in der öffentlichen Meinung zerbröckelt und dafür der Zwang zur organisatorischen und Wirtschaftlichen Umgestaltung der westdeutschen Schwerindustrie wieder an die Oberfläche tritt, wird Studium und Kommentierung des neuen Alliierten-Gesetzes über Kohle, Eisen und Stahl Bedeutung erhalten.

Die entscheidende Neuerung gegenüber dem alten Gesetz bringt die künftige Behandlung von Forderungen und Eigentumsrechten. Aus enteigneten Eigentümern und fragwürdig gestellten Gläubigern sind wieder gleichberechtigte Partner gemacht worden, denen das neue Gesetz 27 ausdrücklich im Artikel 5b und 5c eine angemessene und geeignete Entschädigung, auch im Wege des Aktientausches, sichert. Ein Schiedsausschuß zur Behandlung von Beschwerden der Aktionäre oder Gläubiger – eine der Forderungen der Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz – ist eingebaut.

Auf dem organisatorischen Gebiet bringt die Umgestaltung des Kohlenbergbaues an sich niche viel Neues. Jedoch ist der Bildung von kombinierten Eisen- und Kohlenunternehmen nicht mehr ein Riegel vorgesetzt, so daß neben der horizontalen auch wieder die vertikale Struktur (sogar bis einschließlich Handelsgesellschaft) als gangbarer Weg erlaubt ist.

Für Eisen und Stahl bleiben die Stahltreuhänder weiterhin federführend, sowohl für die entflochtenen Werke, als auch bezüglich der Neuordnungspläne für den Gesamtkomplex.

Wir haben den positiven Punkten des neuen Gesetzes 27 das Primat der kurzen Betrachtung gewidmet. So sollte es überall sein. Nur mit den fortschrittlichen Bestimmungen läßt es sich in Zukunft gut arbeiten, verbliebene Negativen werden sich allein schon durch ihre Gegenwartsferne von selbst erledigen; Das haben Deutsche und Alliierte in den letzten zwei Jahren ihrer Deutschlandpolitik genügend oft erfahren. Zudem scheint uns, daß das Gesetz 27 in manchen Punkten als eine schon vorweggenommene Ausführungsbestimmung zur europäischen Förderation im Becken Hamm–Lothringen–Lüttich brauchbar sein könnte. Betrachten wir es so, dann geht vieles leichter, –ch–