Das Fortwirken großer Philosophen kann man nur dann recht betrachten, wenn man sieht, daß sie wie Eisberge sind: was über die Oberfläche ragt (ihre veröffentlichten Schriften), ist nur ein Siebentel ihrer bewegten und belegenden Masse. Sechs Siebentel, das Fundament und der Kern ihrer Stoßkraft, bleiben den Augen und dem Urteil der lesenden Zeitgenossen verborgen. Platons Dialoge sind nur die künstlerischen Spiegelungen des Philosophierens gewesen, von dem seine Schüler erfuhren und das sie als heilige Weisheit zu hüten hatten. Die Werke, die Hegel zum Druck gab, werden erst dem durchsichtig, der seine Entwürfe und seine Verlesungen kennt. Und bei Martin Heidegger liegen heute die Dinge noch so, daß alle Versuche, aus dem, was er publiziert hat, ein Gesamtbild seines Philosophierens zu gewinnen, scheitern müssen, weil der Schlüssel zum Verständnis in den noch unpublizierten, handschriftlich zirkulierenden Vorarbeiten und Vorlesungstexten liegt. Daher die Wirrnis vieler Diskussionen über ihn: die Ausdeuter und gar die Kritiker bewegen sich tastend im Vorgelände, der Philosoph selbst, mächtig verschanzt in der Höhle, die er mit der Maulwurfsarbeit seines Geistes gegraben hat, spottet (und grollt bisweilen) ihrer Beflissenheit.

Trotzdem ist es möglich geworden, daß die (bei Francke in Bern erschienene) Festschrift zu seinem sechzigsten Geburtstag den Titel Martin Heideggers Einfluß auf die Wissenschaften trägt und daß acht von ihren elf Mitarbeitern im Namen einer Einzelwissenschaft sprechen: Psychiater, Philologen, Kunsthistoriker, ja ein Physiker (C. F. von Weizsäcker). Ein Philosoph, der auch für die exakten Wissenschaften kompetent ist, Wilhelm Szilasi, löst das Paradox auf: die Einwirkung Heideggers auf die nächste Generation begann schon Anfang der zwanziger Jahre, durch die Marburger Vorlesungen und Seminare. Hier wirkte – lange vor dem Erscheinen van „Sein und Zeit“ – die strenge Faszination des radikalen Fragens, die zum Zurückgehen hinter alle vermeintlich selbstverständlichen „Grundbegriffe“ nötigte. Eine produktive Ungenügsamkeit begann von Heideggers Marburger Hörsaal aus in alle Einzelforschung zu infiltrieren. Könnten die Studenten von 1950 sich mit denen von 1920 vergleichen, so würden sie, ehe sie noch von Namen und Schriften Heideggers Kenntnis haben, gewahr werden, daß sie in eine andere Epoche des wissenschaftlichen Denkens hineingeboren sind.

Und die Einordnung Heideggers in die Bewegung des Philosophierens? Es ist bezeichnend, daß sich da ein Theologe (ein protestantischer), Heinz-Horst Schrey, mit aller gebotenen Behutsamkeit am weitesten vorwagt – und es mag die Leser der „Zeit“ interessieren, daß Schreys Versuch, Heidegger innerhalb der Weltgeschichte des Geistes einen Ort zu geben, zusammenstimmt mit einem anderen Versuch, den auf diesen Blättern vor einigen Wochen Paul Hühnerfeld unternahm, als er („Die Zeit“ Nr. 12 vom 23. 3. 1950) ein Element des Mystischen, etwas Plotin und Meister Eckhard Wahlverwandtes, in Heidegger wahrzunehmen lehrte. „Heideggers Entwurf der Existenz“, sagt Schrey, „scheint uns ein mythisches Bewußtsein vorauszusetzen ... Vielleicht ist das Sehen eines Bezuges der Art, wie hier (bei Heidegger) vom Sein geredet wird, zum Begriff des Fünkleins in der Mystik nicht gar fern der Wahrheit ... Das Denken selbst wird zur Ekstase, zum mystisch-mythischen Vorgang, und weiß sich selbst in besonderer Nähe zum Mythos Platons und Hölderlins.“

Der Ehrfurcht, die dem mächtigsten Denker unserer Jahrzehnte gebührt, sind solche dem Staunen entsprungenen Bemühungen gewiß nicht abträglich. Ob sie sich vor dem Gesamtwerk Heideggers bewähren, kann sich erst zeigen, wenn der Eisberg sich ein wenig mehr über die Oberfläche hebt. Christian E. Lewalter