Von Martha Maria Gehrke

Heidelberg, im Mai

Mit der Fliederblüte hat in einigen schönen Räumen des Kurpfälzischen Museums eine Ausstellung „Heidelberg als Verlagsstadt“ stattgefunden, ein Beitrag zu der „Woche des Buches“ in der Bundesrepublik. Wer es nicht schon durch fleißiges Studium der Literaturgeschichte wußte, konnte bei dieser Gelegenheit erfahren, daß der Urahn des heute noch bestehenden Universitätsverlages Carl Winter einstmals „Des Knaben Wunderhorn“ verlegt hat; daß der Tübinger Verlag Mohr von Heidelberg ausgegangen ist und schließlich, daß 1945 der Verlag Hermann Meister hier die erste Lizenz der Amerikaner erhalten hat. Der Besucher findet viele altbekannte Namen in dieser Ausstellung, Lambert Schneider, Quelle und Meyer, katholische Jugend- und andere Verlage. Er kann unschwer feststellen, daß es ihnen allen genau so wenig rosig ergeht wie ihren Kollegen in Frankfurt, Stuttgart, Hamburg.

Diese Heidelberger Ausstellung erhielt jedoch durch eine Rede des Oberbürgermeisters eine pikante Note. Er bekannte schlicht, daß er keine Zeit habe, ein Buch zu lesen und ließ bei diesem besonders geeigneten Anlaß durchblicken, daß es wohl Wichtigeres auf der Welt gebe als ernsthafte Lektüre. Die ehrliche Unbefangenheit, mit der das Oberhaupt einer einstmals führenden deutschen Geistesmetropole dieses negative Bekenntnis zur Kultur ablegte, wirkte nahezu entwaffnend. Immerhin hat ein mutiges Mitglied der örtlichen Presse am nächsten Tag dem Oberbürgermeister die Bücher vorgerechnet, die beispielsweise der auch nicht gerade unbeschäftigte Bismarck zu lesen pflegte.

Nun gibt es allerdings in Heidelberg Leute, die diesen faux pas als Symptom betrachten, sogar als eine Formel für den heutigen geistigen Zustand der schönsten und traditionsreichsten deutschen Universitätsstadt. Man brauche nur eben diese Universität anzusehen, sagen sie. Radbruch ist tot; Jaspers ist gegangen; Alfred Weber, grand old man der Stadt und von einer unglaublichen Frische, liest nur noch gelegentlich und hat mit bald 83 Jahren wohl Anrecht auf etwas Ruhe. Dabei war 1945 der damals 78jährige einer der aktivsten Förderer des Neubeginns. Mit ihm und Jaspers zusammen gründete Dolf Sternberger die „Wandlung“, die in den ersten Nachkriegsjahren eine geistig bestimmende Rolle in der Publizistik innehatte, bis sie neuerdings im Turnier gewisser Verlagsauseinandersetzungen unterging. Hier in Heidelberg entstand die Deutsche Wählergesellschaft, und hier erhielt auch der Publizist Sternberger einen der vier Lehraufträge für Politik, die es in Deutschland derzeit gibt. Er ist ein vorzüglicher Sprecher, und es sitzen recht viel junge Leute in seinem Kolleg über Nutzen und Gefahren der politischen Parteien. Aber solche Ansätze genügen nicht. Freiburg, so wenig Staat es mit dem Tempo seines Wiederaufbaus machen kann, hat nach Ansicht der Experten Heidelberg als Universitätsstadt weit hinter sich gelassen. Und was das wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben betrifft, so ziehen sich die kriegsverlagerten Mannheimer wieder, einer nach dem anderen, in ihre grausam zerstörte, aber sehr energisch aufbauende Stadt zurück.

Versuchen wir, gerecht zu sein. Heidelberg, bei allem Glück der Bombenverschontheit, trägt militärischen Charakter. Es beherbergt das European Command der amerikanischen Streitkräfte, und das bedeutet, daß fast alle Hotels und ein großer Teil der schönen Privatvillen beschlagnahmt bleiben, während in den meisten anderen Städten der drei Westzonen eine Freigabe nach der anderen erfolgt. Scheffels „Fröhliche Gesellen“ sind nicht mehr die Studenten, sondern die G. I.’s. Auch wenn sie keine Uniformen trügen, würden sie das Stadtbild stärker prägen als jene, mit oder ohne Mützen und Bänder. Den Neckar entlang jagen noch mehr USA-Wagen als anderwärts; die militärische Situation trifft sich nicht allzu ungeschickt mit der traditionellen Liebe der alten und neuen Angelsachsen für das romantische Schloß, die romantischen Gassen und das ganze romantische Neckartal, in dem die zum drittenmal erbaute neue Alte Brücke im gewohnten und geliebten Sandsteinbogen den Fluß überspannt. Es fahren wieder Motorboote nach Neckargemünd, es werden endlich wieder bunte Kanus den Fluß entlang gepaddelt, und Heidelberg steht wieder eisern auf dem Programm der Reisenden aus Übersee.

Trotzdem schwingt das Pendel noch nicht mit alter Sicherheit zwischen den Polen des Geistes und des Fremdenverkehrs hin und her. Von den Manen der Brentano und Goerres oder auch von denen Stefan Georges ist nicht mehr allzuviel zu spüren: mag sein, daß ihre Zeit vorbei, daß niemand da ist, das Erbe zu wahren oder gar zu mehren. Aber anderwärts leben alte und neue geistige deutsche Menschen, von denen anzunehmen wäre, daß die wunderbare Landschaft des Odenwaldes, die Üppigkeit der Obsthänge und Rosengärten ihnen wie früher zur Heimat hätte werden können. Wo sind sie? Am Bodensee, in Bayern, in der Heide, im Ausland. Heidelberg ist innerlich verarmt.

Man hat Angst, es auszusprechen – aber es scheint fast, als könne die Verschontheit von Bomben auch Nachteile mit sich bringen. Eine gewisse Trägheit ist unverkennbar. Die neuen Ansprüche der Gastronomie etwa haben sich hier noch nicht überall herumgesprochen. So wie sich manche deutschen Kurorte eine Zeitlang auf die Qualität ihrer Luft verließen und sie zu einer ungerechtfertigt hohen Prozentuale in die bescheidenen Leistungen der Hotellerie einkalkulierten, so gilt auch hier mancher seine Verpflichtungen mit dem Blick auf Schloß und Neckar ab ... Aber damit ist es nicht mehr getan. Bei aller unverlorenen Schönheit hat Heidelberg heute, ohne eigene Schuld, wenig an eigener Gegenwart. Nur wenn es wach und bereit ist, kann es wieder eine Zukunft bekommen. Wobei nicht einmal gesagt ist, daß diese Zukunft, wie nüchterne Beurteiler glauben, nur auf dem Gebiet des Fremdenverkehrs liegt.