Von Wolf Schirrmacher

Das jüngst entdeckte Hormon ACTH, ein Sekret der Gehirndrüsen, wirkt wie ein Stoßdämpfer gegen alle möglichen Gefährdungen der Gesundheit. Versagt er oder wird er überreizt – was bei der ständigen Unrast des modernen Lebens besonders oft vorkommt –, so entstehen Zivilisationskrankheiten, deren Ursache bisher rätselhaft waren.

Obgleich für die Gewinnung dieser ungemein wichtigen Substanz eine riesige Organisation aufgezogen war, konnte sie den Forschern nur in winzigen Mengen zur Verfügung gestellt werden. Auf allen Schlachthöfen der USA standen Arbeiter bereit, um aus jedem Schweinekopf, der auf dem Fließband abtransportiert wurde, mit schnellem Griff eine erbsengroße Drüse, die Hypophyse, zu entfernen und sie in Eisbehältern zu sammeln. 1400 Stück ergaben jedoch erst ein Pfund der kostbaren Gewebemasse, aus dem dann auf chemischem Wege anderthalb Gramm des weißen, flockigen ACTH-Pulvers gewonnen wurden. Um einen einzigen Patienten ein Jahr lang behandeln zu können, waren die Hypophysen von 14 600 Schweinen nötig gewesen.

Jetzt hat man ein einfacheres Verfahren ausfindig gemacht: Im Institut für Krebsforschung in New York ist es gelungen, die Gehirndrüsen in kleinen Flaschen künstlich am Leben zu halten – in einer Lösung aus Pferdeblutserum und einer von Kükenembryos ausgeschiedenen Flüssigkeit. Die Drüsen stammen von Ratten, aber ihre Absonderungen sind den Menschenhormonen sehr ähnlich. Die Hypophysen bleiben bis zu einem Vierteljahr lebendig und liefern beträchtliche Mengen ACTH. Durch eine Vereinfachung dieses Prozesses soll sogar eine Massenproduktion von Heilpräparaten möglich werden.

Was ist ACTH? Die Biochemiker haben entdeckt, daß zwischen der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) und der Nebennierenrinde (Adrenalindrüse) ein enges Verhältnis besteht. Die Nebennieren sondern lebenswichtige Hormone, vor allem das Cortison, ins Blut ab, aber nur, wenn sie durch einen anderen Wirkstoff, der aus der Gehirndrüse kommt, dazu veranlaßt werden. Das ist das „die Adrenal-Rinde reizende“ („adrenocorticotrope“) Hormon.

Diese beiden Drüsen bilden einen Abwehrmechanismus gegen alle möglichen Belastungen und liefern Energiereserven, von denen man bis vor kurzem noch nichts ahnte. Bei Strapazen, die Soldaten, Schwerarbeiter oder Bergsteiger bei Regen, Kälte, Hitze oder Hunger auszuhalten haben, versetzen sie den Körper in einen Zustand erhöhter Aktivität. Aber das ACTH wird auch bei Infektionen und Operationen, bei Schwangerschaft und Unfällen ausgesondert und alarmiert die Widerstandskraft bei seelischen Krisen, gegen nervenaufreibenden Großstadtbetrieb und außergewöhnliche geistige Beanspruchung.

Wir spüren, wenn uns eine Aufregung „auf den Magen schlägt“. In schweren Fällen gerät die Stoffwechselzentrale aus dem Gleichgewicht, der Blutdruck läßt nach, Untertemperaturen und Depressionen stellen sich ein. Nach kurzer Zeit aber mobilisiert die Hirnanhangdrüse den Widerstand, den man als „Gegenschock“ bezeichnet. Über die Nebennieren werden dem Blut Chemikalien zugeführt, die das Herz schneller schlagen und den Blutdruck steigen lassen und einen Schutz gegen Infektionen bilden.