Das Gesicht des 18. Jahrhunderts ist in Europa von einer Reihe bedeutender Monarchen geprägt worden, von Karl XII, Maria Theresia und jenen, denen die Geschichte den Beinamen der Große oder der Starke gab, wie Friedrich, Peter, August. Die Geschichte des 19. Jahrhunderts bestimmten einzelne große Staatsmänner aus den landangesessenen Familien: Metternich, Bismarck, Cavour. Und wie verhält es sich im 20. Jahrhundert...? Zunächst schien es, als seien die Volkstribune das Charakteristikum dieser Epoche, doch beginnt sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges unter dem Einfluß der Amerikaner und im Hinblick auf die Notwendigkeit großer internationaler Zusammenschlüsse, ein neuer. Typ abzuzeichnen: die Manager, die Fachleute der modernen Wirtschaft. Sie sind gewissermaßen die Ingenieure dieser komplizierten Apparatur, für sie, wie beispielsweise den Marshall-Plan-Administrator Hoffman, steht das Funktionieren des Räderwerkes im Vordergrund und nicht so sehr nationale Gesichtspunkte oder Gruppeninteressen oder menschliche Gesichtspunkte.

Ein Vertreter dieses Typs ist Jean Monnet. Er ist gewissermaßen der Chef des großen Generalstabs der französischen Wirtschaft. Noch ehe der Marshall-Plan als Idee konzipiert war, saß Monnet bereits als Leiter eines tausend Mitarbeiter umfassenden Stabes an der Planung für den Wiederaufbau der französischen Wirtschaft. 1947 trat sein auf vier Jahre verteilter Reorganisationsplan – der Plan Monnet – in Kraft. Es war für ihn damals nicht leicht gewesen, sich gegen Guy Mollet, den Generalsekretär der französischen Sozialisten und dessen primär auf Besserung der allgemeinen Lebensverhältnisse abgestellten Plan durchzusetzen. Monnets Schlachtruf lautete: investieren, modernisieren und exportieren – das war kein populäres Programm, aber die erste große Zwischenbilanz nach Ablauf der halben Zeit scheint zu beweisen, daß es der richtige Weg war: Die Währung hat eine gewisse Stabilität erlangt, die Friedensproduktion ist überall erreicht, bei Statt! und Zement sogar weit überschritten und das Volkseinkommen im Vergleich zu 1946 um 35 v. H. gestiegen.

Monnet hat seine ersten Erfahrungen und Erfolge als Kaufmann in der väterlichen Cognacfabrik J. G. Monnet & Cie. gewonnen, die er unter schwierigen Umständen neu aufbaute. Nach dem ersten Weltkrieg, in dem er eine zentrale alliierte Einkaufsstelle in London mitgegründet hatte, wurde er für vier Jahre stellvertretender Generalsekretär des Völkerbundes. Und dann begann die Zeit, in der er sich als eine Art internationaler Finanzberater in allen Ländern betätigte, in denen es etwas zu sanieren gab – in Schweden nach dem Kreuger-Skandal, in Polen, Rumänien, Österreich, in China. Am Vorabend des zweiten Weltkrieges schickte die französische Regierung ihn nach Amerika, um Kriegsmaterial einzukaufen, und als der Krieg ausbrach, ging er nach London als Vorsitzender eines englisch französischen Wirtschaftsausschusses.

Nach dem französischen Zusammenbruch blieb Monnet in London und arbeitete dort und in USA für die englische Regierung. Erst nach der Invasion der Alliierten in Nordafrika, als Präsident Roosevelt ihn als seinen persönlichen Vertreter nach Algier schickte, schloß er sich dem Befreiungskomitee de Gaulles an. Von de Gaulle erhielt er dann im Dezember 1945 den Aufträge einen Plan für die wirtschaftliche Reorganisation Frankreichs aufzustellen.

Jean Monnet ist Anfang 60. Er hat vieles in seinem Leben und in seiner Person vereint, was manche für unvereinbar halten: Er ist Teilhabet beim Bankhaus Morgan, Vizepräsident der Franko-Amerikanischen Elektrizitäts- und Industriegesellschaft und gleichzeitig Generaldirektor der Bank von Frankreich und Staatskommissar für die Wirtschaftsplanung seines Landes. Er hat für die englische und amerikanische Regierung gearbeitet und zugleich für sein eigenes Land. Er steht hinter dem Schuman-Plan, der vielleicht der erste reale Beginn, einer Vereinigung Europas sein wird, und es scheint, daß er alle Gewähr bietet für die Überwindung der nationalen Bedenken und Interessenkonflikte, die sich bei dem Bestreben, die europäische Schwerindustrie zu Verschmelzen, ergeben können; denn Männer seines Schlages haben nur ein Interesse, Europa zu einem going concern zu machen, wie es in der Sprache der Manager heißt. Dff.