Gut zwei Monate ist Finnlands bürgerlicher Staatsminister Dr. Urho Kekkonen im Amt. Wird er es angesichts der sich vor ihm auftürmenden Schwierigkeiten schaffen, aus den zwei Monaten zwei Jahre werden zu lassen, wie es sein sozialdemokratischer Vorgänger Fagerholm trotz einer Unzahl von Regierungskrisen, Streiks und anderer Kalamitäten fertigbrachte? Nicht einmal Optimisten halten dieses für möglich...

In Finnland wächst die Arbeitslosigkeit, steigen die Preise, werden die Steuern erhöht, geschieht also in diesen Monaten alles das, was geeignet ist, eine Regierung unpopulär zu machen. Als de Regierung Fagerholm im Winter, zurücktrat, sah die Lage weitaus günstiger und besser aus. Den breiten. Kreisen der finnischen Bevölkerung war es nicht bewußt, daß auch Fagerholm zuletzt ernste Sorgen um den völlig in Unordnung geratenen finnischen Staatshaushalt gehabt haben muß. Für sie war und blieb Fagerholm der Mann, der das Leben in Finnland wieder lebenswert gemacht hat.

Eine der letzten Regierungshandlungen Fagerholms war die von der Arbeiterschaft unter Streikdrohung geförderte Aufhebung des sogenannten Lohnreglements, demzufolge jede Erhöhung der Arbeitslöhne entsprechende Preiserhöhungen nach sich ziehen sollte. Kurz danach trat seine Regierung zurück, allerdings aus gänzlich anderen Gründen, nämlich wegen der Präsidentenwahlen, Kekkonen, der Fagerholm zwei Jahre lang mit der heftigen Opposition seiner bürgerlichen Agrarpartei das Leben sauer gemacht hatte, sah nun seine Zeit gekommen. Ihm wurde der Vortritt gestattet. Die Sozialdemokraten verliefen sich auffallend passiv. Die Möglichkeit ihres eigenen come back ließen sie ungenutzt. Damals schien diese Haltung für viele ausländische Beobachter gänzlich unerklärlich.

Nachdem sich nun aber das erste Halbjahr des noch in der vergangenen Regierungsperiode eingebrachten Budgets zu runden beginnt, zeigt es ach, daß Fagerholm rechtzeitig ausgestiegen war. Kekkonen und sein Finanzminister Sukselainen haben inzwischen ein zusätzliches Budget von nahezu 15 Milliarden finnische Mark beantragen müssen. Ein Drittel dieses für Finnland recht großen Postens soll durch Steuererhöhungen eingetrieben werden. Binnen weniger Monate ist das Leben in Finnland bereits fühlbar teurer geworden. Kommen jetzt auch noch die neuen Steuern – und sie werden kommen müssen – so wird Kekionen alsbald mit den finnischen Arbeitern um neue Lohnforderungen zu verhandeln oder zu kämpfen haben. Er befindet sich in keiner beneidenswerten Situation, zumal die Sozialdemokraten heute als Opposition anders zum Problem der Löhne und Preise eingestellt sind, als sie es als Regierungspartei gewesen Waffen. Der jüngst mit Ach und Krach verhütete finnische Generalstreik war sicherlich nicht die letzte Bedrohung, auf die die Regierung gefaßt sein muß.

Gustav Meißner