Von Marion Gräfin Dönhoff

Madrid, im Mai

Offenbar muß man in diesen abseitigen Winkel Europas reisen, um festzustellen, wie stark noch immer die geistige Ausstrahlung des zerstörten und zerrissenen Deutschlands ist. Man weiß hier zwar nicht allzuviel von der politischen und ökonomischen Situation des heutigen Deutschlands, aber wenn man in Madrid in die deutsche Buchhandlung Buchholz geht, die früher in der Leipziger Straße in Berlin war, dann findet man alles, was an wissenschaftlichen und geistigen Büchern in den letzten Jahren erschienen ist in staunenswert reichhaltiger Auswahl. „Kauft denn irgend jemand hier zum Beispiel dieses Buch?“ fragte ich neugierig, auf die „Holzwege“ von Heidegger zeigend. „Wir können gar nicht genug philosophische Literatur heran schaffen“, antwortete die intelligente und liebenswürdige Prokuristin – „wir haben während der letzten Monate etwa vierzig Exemplare des umfangreichen Heideggerschen Buches verkauft, und zwar ausschließlich an Spanier.“

Universitätsprofessoren, vor allem aber auch junge Spanier sind es, die man am Nachmittag hier herumstöbern sieht. Ein zierlicher alter Herr fiel mir auf, mit weißen Haaren und einem großen grauseidenem Tuch, elegant und nonchalant um den Hals geschlungen; er trippelte mit kleinen emsigen Schritten von einem Tisch zum anderen und durchblätterte versonnen einige Neuerscheinungen. „Das ist Bonnard, der frühere Erziehungsminister der Vichy-Regierung, der in Frankreich zum Tode verurteilt ist.“ – Es gibt aber in Madrid nicht nur ein geistiges Zentrum deutschen Ursprungs. Auch für die Materialisten ist gesorgt; sie gehen zu Horcher, der sein Restaurant von der Lutherstraße in Berlin nach der spanischen Hauptstadt verlegt hat.

Der riesige, strenge Bau des Escorial, den Philipp II. im sechzehnten Jahrhundert angelegt hat, als Residenz und gleichzeitig als letzte Ruhestätte für seinen Vater Karl V. – den einzigen Beherrscher eines Weltreiches, der je freiwillig der Macht entsagte und im Kloster ging – das ist Spanien! Oder mindestens einer der ganz wesentlichen Aspekte Spaniens: weltliche Residenz und gleichzeitig Kirche, Schloß und Kloster; herrisch in seinem Machtbewußtsein und zugleich alles Persönliche in Frage stellend und einem höheren Gesetz unterordnend. Unwillkürlich muß man an Potsdam denken. Diese ernste, feierliche Festung ist nicht das Symbol des glanzvollen Herrscherwillens eines Louis XIV. mit dem persönlichen Machtanspruch: L’état c’est moi. Hier ist das spürbar, was in protestantischer Prägung das Wesen des unverfälschten Preußentums war: Anspruch und Unterordnung zugleich, ein überspitzten Individualismus, der sich nur noch als Prinzip manifestiert – das Individuelle, das zu einer Funktion des Gesetzes geworden ist.

Spätere Generationen haben einige Arabesken und goldene Verzierungen hinzugefügt, aber die Räume Philipps II. sind noch erhalten in ihrer kargen und sparsamen Einrichtung mit der Schlafnische, die nur eine fensterartige Öffnung zu der angrenzenden Kirche aufweist, so daß man vom Bett aus auf den nahen Altar sehen kann. Etwas von dieser bezwingenden Atmosphäre ist auch heute noch in Spanien lebendig – oft fragt man sich: Ist das, was man hier als lastend und finster empfindet, noch ein Überbleibsel des Mittelalters, oder sind wir, die wir durch das zersetzende Zeitalter der Aufklärung gegangen sind, unfähig geworden Form und Gesetz zu ertragen?

Natürlich ist es nicht so, daß die Kirche in Spanien ohne jegliche Verwurzelung einfach autoritär regierte. Es gibt eine echte, fast noch mittelalterliche Religiosität im Volk, ein dunkles, fanatisches, christliches Bewußtsein,das ganz auf das Jenseits ausgerichtet ist. Überdies ist die Kirche der einzige Raum, in dem es so etwas wie eine Gemeinschaft gibt, die die individualistischen Spanier sonst nicht kennen. Selbst der Kommunismus, der hier stets eine anarchistische Färbung gehabt hat, wächst nicht aus dem Erlebnis und dem Willen zum Kollektiv. – Es ist ein wirklich großer Eindruck, den der Ernst und die Feierlichkeit spanischer Kirchen hinterläßt, und ich glaube, man wird immer eine geheimnisvolle Sehnsucht danach behalten. Ganz anders als in Italien, wo die Leute während des Gottesdienstes ein- und ausgehen und schwätzen, und man den Eindruck hat, daß sie das Leben der Straße und des Marktes vorübergehend einmal in die Kirche verlegt haben, empfindet man in Spanien eine tiefe innere Beteiligung und einen tragischen Unterton, der für dieses Land und seine Menschen so charakteristisch ist.