Von Josef Marein

Oberammergau, im Mai

Kaum angekommen in diesem herrlichen Tal des bayrischen Hochlandes, spürt man fast wie ein Schuldgefühl die innere Verpflichtung, daß man sich sammeln müßte, daß man wieder fromm werden müßte. Denn wie sollte einer, der aus dem Tiefland des Alltags heraufgefahren ist, sonst das heilige Spiel verstehen? Man schlendert irritiert durchs Dorf, die Hände in den Manteltaschen, und erlebt zunächst nur solche Dinge, die man mühelos versteht, weil sie ganz irdisch sind: Kristallene Schneeflocken fern auf den höchsten Alpenspitzen ... grüne Hänge ringsumher... frische weiße Farbe an den Häusern... das Gewühl der Menschen in den engen Straßen die fremden Stimmen. Alltagsstimmen! Nur selten klingt das bayrische Idiom darin auf, das Hochdeutsch aus den Städten überwiegt, und man erkennt englische, französische, vor allem amerikanische Akzente. Dies ist das "heilige" Dorf?

"An die fünf Millionen Mark hat die kleine Gemeinde hineingesteckt, fünf Millionen Mark...": Als man im Vorübergehen diesen Satz auffängt, den ein dienstbeflissener Kellner einem andächtig lauschenden Gast zum besten gibt, da spürt man, daß man leider im Gepäck ein unsichtbares, schlimmes Gebrauchsstück mitgebracht hat, das Argwohn heißt oder Skeptizismus. Und das Mißtrauen ist wie eine Wünschelrute, die anschlägt und vibriert, besonders beim Anblick der Schaufensterinschriften "Bis elf Uhr nachts geöffnet" ... und ganz und gar beim Gang durch die funkelnagelneuen Budenstraßen. War es nicht das ambulante Gewerbe, dem Christus die Tische im Tempel umwarf? Und was ist das für ein "Koppelgeschäft", das die Gemeinde des Passionsdorfes diesmal ersonnen hat?

Um eine Eintrittskarte für das Passionsspiel zu erlangen, deren Preis fünf bis fünfzehn Mark beträgt, muß man zuerst einen "Dreitagegutschein" besitzen. Dieser Gutschein, der entweder 57 oder 50 D-Mark kostet, "umfaßt: dreimal Übernachtung, dreimal Frühstück, dreimal Abendessen, zweimal Mittagessen, Bedienung und alle Abgaben." Der Gast gibt diesen Bon an den Oberammergauer Pensionswirt weiter, dem er zugewiesen wurde. Und "bei Abgabe des Gutscheines an den Wohnungsgeber wird von diesem die Eintrittskarte zum Passionsspiel ausgehändigt". – Dies hört man und gerät ins Rechnen: Sechstausend Plätze hat das Passionsspielhaus; drei Tage müssen die Gäste in den neuhergerichteten Hotels und Pensionen von Oberammergau wohnen, schlafen, essen –: sonst können sie nicht teilhaben an dem Spiel, das am Tage der Vorstellung um einhalb neun Uhr morgens beginnt und, von einer Pause von zwölf bis zwei Uhr unterbrochen, abends um sechs Uhr endet. Bei dreiunddreißig vorgesehenen Aufführungen sind es Millionenbeträge, die sich da errechnen lassen.

Die fremden Damen in den Dorfstraßen, die gelegentlich vor den Häusern stehenbleiben, um mit Entzücken die aufgefrischten Fresken des alten Oberammergauer "Lüftlmalers" zu betrachten, sind äußerst modisch angezogen; die fremden Herren – auch sie tragen sich leger, als gälte es ein Fest. Schwere Autos bahnen sich langsam und majestätisch ihren Weg durchs Gedränge. Hatten nicht prominente Ehrengäste versprochen, der Einladung zu folgen? Man drängt sich, den Bundespräsidenten, Professor Heuss, zu sehen, den Bundeskanzler, Dr. Adenauer, die Hohen Kommissare McCloy und Sir Brian Robertson. Aber man drängt sich am Passionsspielhaus auch vor der Tür, durch welche die Spieler ins Innere des Gebäudes treten: Frauen, Mädchen, vor allem ältere und junge Männer, die zur bayrischen Tracht Vollbärte und wallendes Haar tragen. Sie sind es, die im Mittelpunkt stehen, die Darsteller, die ihre Rollen durch eine Wahl innerhalb der Gemeinde, nicht etwa durch die Bestimmung des Regisseurs erhielten. Nur kurze Zeit, und sie werden vor sechstausend Zuschauern agieren-Sind sie arrogant, nervös? Haben sie Starallüren und machen sie sich wichtig bei diesem Anlaß, der ihnen alle zehn Jahre neuen Ruhm einbringt?

Nein, nichts von alledem Sie treten ein in den riesigen Bau, der – ein langgestreckter, viereckiger Steinkasten mit vierzehn eisernen Toren – das Dorf überragt; sie tragen den Ausdruck innerer Sammlung und selbstverständlicher Bescheidenheit. Sie sind auch Anno Domini 1950 die Herrgottsschnitzer, Bergbauern, Gastwirte, die sie immer waren. Ein Blick in diese Gesichter, und man will plötzlich den Worten vertrauen, welche die Gemeinde Oberammergau dieser frommen Darstellung voransetzte: "Es ist eine Predigt in Form des Spiels." Und die frischgestrichenen Häuser, das "Koppelgeschäft" von Passion und Pension? Man ahnt, ja, man weiß zuletzt, daß die investierten vier bis fünf Millionen Mark ein Risiko sind, das keineswegs sosehr aus Geschäfts- und Unternehmergeist gewagt wurde. Im Gegenteil, der Kapitalaufwand ist eher ein Wagnis, das der Gemeinde von Oberammergau einfach dadurch aufgezwungen wurde, daß ihr Passionsspiel Weltruf besitzt und daß aus aller Herren Ländern die Gäste kommen. Und ihr "Koppelgeschäft" ist nichts als eine Maßnahme der Organisation, die dazu beiträgt, das Risiko zu verringern, ist nichts als ein Merkmal unserer organisierten Gegenwart. Diese Herrgottsschnitzer, Wirte und Bauern können arm werden, zahlt sich ihr Risiko nicht aus; aber reich werden können sie nicht. Und schließlich: nur ihre Organisationsmaßnahme ist modern, ihr Spiel ist alt.