München, im Mai

München, in Erwartung der Gäste für Oberammergau und besonders der ausländischen, hat im „Haus der Kunst“ eine Ausstellung „Kultur und Mode“ eröffnet. Da fließen von Hitlers hohen Wänden rosa, gelbe, schwarze Stoffe. Riesenhafte klassische Säulen stehen umher. Vor kardinalroter Seide flattern weiße Tauben. Aus weißem Gitter schwebt eine nackte Homunculus-Dame, die in Anbetracht ihrer Geschlechtslosigkeit ihre diskreten Teile mit je einer winzigen Samtschleife anzeigt. Darüber fallen schwarze Pleureusen, Tüll rieselt. Auf dem Boden liegen geknüllt, wie gefallene Blüten, weiße Batiste, französische Seide, gehauchte Pastelle.

Aus dem Dämmer der Zwischentöne des Grau, Rosa und Blau schreit ein Karminrot; Nuance Rose shocking korrigiert mich höflich ein maître de plaisir. Wirklich, hier heißt nichts, wie es wirklich heißt! „Welcher Schneider“ – will ich fragen, doch mein Begleiter kommt nachsichtig verbessernd mit „Haute couture“ zu Hilfe. Man muß eben den Mund halten, wenn München den Parisern zeigen will, was pariserisch ist. Französische und italienische Modehäuser führen ihre Modelle vor. Die Oberammergauer Gäste sollen zu den täglichen Fünf-Uhr-Tanztees kommen und sich die Pariser Badeschau „Von 1900 bis Bikini“ ansehen. Dabei zeigen sich Europas Schönheitsköniginnen. Der Ballsaal, in dem dies alles stattfindet, ist allerdings bezaubernd: weiße ornamentreiche Gartenstühle und Straßenkandelaber mit milchigen Kugeln, kardinalrote Polster, grau-weiß gestreifte Markisen, schwarze Glashintergründe mit Kupfer, Fransen und Sektgläser. Aber stilvoll kann man hier nur sitzen als Toulouse-Lautrecsche Halbweltdame.

Das Bild ist tropisch, die Atmosphäre betäubend: Kleider und Wäsche wie Orchideen. Das elektrische Licht der vielfarbigen Kandelaber flimmert durch die Wassertropfen des Springbrunnens, der auf ein brandiges Tulpenbeet herniederrieselt. Unter einem schwarzen Riesen-Baldachin liegt vielblättrig und schaumgeboren das weiße Abendkleid einer großen Courtisane. Natürlich Pleureusen. Schwarze. Ein Papagei blickt auf blumige Hüte in sterbendem Pastell. Abseits liegen rohgeflochtene Spankörbe, aus denen Zitronen rollen, ein anderer schüttet Blaukrautköpfe, Gurken, Orangen und gleichfarbige Seidenblusen und Sonnenschirme, die sich darüber türmen.

Da sind Orientteppiche; Pforzheimer Schmuck in ägyptischen Tierformen, der neben den Offenbacher Ledermänteln bestes deutsches Handwerk darstellt. Kosmetische Mittel fehlen nicht, und ein schwarzer Zylinder, Tüll und die vorherrschenden Pleureusen sind über ein vorsintflutliches Miederkorsett gesetzt, mit dem der mangelnden Polarität der Geschlechter vielleicht auf die Beine geholfen werden soll. Zur Ermunterung steht ein halb geleertes Vermuthglas davor.

Im nächsten Raum setzt der Atem aus: silberne, rötliche und schwarze Fuchspelze sind wandhoch zur Pyramide getürmt. Eine Fülle von Krokodilledertaschen, Leopardenfelle machen übersättigt seufzen: „O Gott, erschaffe noch ein neues, luxuriöseres Tier!“ Und dort ein überlebensgroßer goldgestängter Vogelkäfig, in dem ein graublauer Papagei sich herabneigt zu schwebenden rosigen Wäschestücken, die nur Hauch und Rüsche sind. Da ist eine zuckrige Krinoline – ernsthafter Vorschlag, sie zu tragen – ebenso den grauvioletten Abendmantel aus endlos rieselndem Tüll. „Wo sind wir eigentlich?“ fragt man, und sich orientierend, sieht man die anderen Besucher an, die unter dieser schwebenden Pracht so arm, grau und – so liebenswert wirken.

Obwohl hier der Geschmack auf die höchste Spitze getrieben ist, erfährt man nicht die neue Linie der Mode, nur ihre hektische Sucht. Die als Zeitdokument sehenswerte Ausstellung heißt „Kultur und Mode“. Mode ist hier schlechthin alles, was Luxus ist. Und Kultur? Kultur ist, auf das alles zu verzichten.

Juliane Reck- Malleczewen